titel not mute
IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Briefe an die Leser, 2009-12,
Titanic - Das endgültige Satiremagazin
TITANIC-Verlag GmbH & Co. KG, Berlin


notMute Artikel



Schreiben und Lesen.
Die Schatten fallen nicht, es wird einfach dunkel

Titanic

[1] Über den Zeitraum mehrerer Jahre habe ich zu verschiedenen Anlässen mit notMute die Rolle eines Blog-Schreibenden ausprobiert.
Nach dieser Erfahrung ist es Zeit, das Blog mit einem letzten Eintrag (achselzuckend) zu verabschieden.
Im Wesentlichen war notMute 'Schreiben-für-mich-selbst'. (Nur die Profil-Bots der einschlägigen Informationsministerien und der Werbeagenturen hatte ich als meine Leser vorausgesetzt.)
Maszgeblich bei der Entscheidung war die Frage:

WIESO SCHREIBEN IM BLOG?
(Eine persönliche Logbuch-Abrechnung)

"Das Falsche in der Welt ist nicht zu bekämpfen.
Es ist zu missachten.
"

1. Um 'die Wahrheit' zu schreiben?
(Meine mehr anzweifelnde Formulierung der selben Frage lautet: Um mit dem sprachlichen Vortäuschen analytischer Distanz sich selbst eine Wahrheit vorzumachen -- z.B. mit diesem Artikel? [2] )
Wer ohne Lektor und ohne potenzielle Leserschaft schreibt, befindet sich wahrscheinlich in seiner frühen /noch unorientierten Phase. – 'Früh' trifft auf den Start meines Blogs nicht zu, aber offen für Unerprobtes war ich noch.
Das notMute-Blog begann ich mit folgender Erwartung:
Im Gegensatz zur graphischen Kunst und zur Malerei, wo Anspruch auf Ästhetik dazu führt, dass Motivationen oder Aussagen letztlich unkenntlich werden, kann ich im sachlichen Schreiben eine Meinung und eine Tatsache geradeaus und nachvollziehbar (klärend für mich selbst) benennen.
Es stellte sich allerdings anderes heraus ("Dieses Verb anstelle des anderen sagt zwar ebenso Wahres, weist aber in eine Richtung, die gegenteilig ist zu der, die ich behaupte." etc. etc.).
Es ist banal, war mir aber neu: Auch das Schreiben als 'Tatsachen- vermittlung' ist ein Konstrukt. Eine innere Wahrheit per se ('die Tatsachen gerade heraus') hat das Schreiben genau so wenig, wie die graphische Kunst. Die eigene Wahrheit muss eingebracht werden durch geistige Anstrengung, beim Schreiben wie in der Graphik.
'Wahrheit' als Idee, als Maxime, mündet erfahrungsgemäss in Verlierertum (heruntergekommene Aussteiger, sog. Müslies, RAF-Häftlinge, einflusslose Pazifisten – klein, hässlich und verachtet). Die 'Wahrheit' als Prozess hingegen, die Tat, das Zerschmettern der einen Wahrheit zugunsten einer anderen, ist strahlend und attraktiv (wenn sie gelingt).
Die verborgene, grundlegende Wahrheit eines jeden ist nur leider die, Souveränität nur vorzumachen (sich selbst oder anderen). Und das ist jedenfalls unattraktiv – diese Wahrheit will niemand, nicht an sich und nicht an anderen. (Eine Nische zu finden, in der man souverän erscheint, ist Lebenszweck – aber eben ein Konstrukt, das irgendwann zusammenfällt.)
Was meine Motivation #1 für das Schreiben wäre (mit diesem 'die Wahrheit' aufzuspüren), ist eine Illusion und läuft ins Leere.

2. Um literarisches Schreiben auszuprobieren?
Schon mit der Wortwahl 'ausprobieren' ist die Frage nach dem Literarischen verneint. Literatur bedeutet, wie jede Kunstform, das unbedingte Vordringen ins Metaphysische, das Aufgehen in einer anderen Welt. Mit 'ausprobieren' gelangt man in diese nicht.
Den Zauberberg/Th. Mann hatte ich einmal aufgeschlagen und zwei Sätze (lange und grammatisch verwickelte Sätze) daraus gelesen. - Ich musste Robert Walser sofort zustimmen: solche Schriftstellerei stellt sich selbst in den Mittelpunkt und sie zu lesen brachte mir weder gedanklichen Genuss noch fand ich sie formal glaubhaft.
Heutiges literarisches Schreiben empfindet man aus anderen Gründen nicht als gross. Martin Walser nennt in seiner Beijing-Rede das Fehlen "weisser Schatten", das Erzählen zum Zweck des Erzeugens von Meinung. [3]
Die triviale Ebene des Schreibens heisst Worte drechseln – und zwar so lange, bis im Satz sowohl gesellschaftlich Akzeptierbarem Genüge getan ist, als auch der eigenen Intention (welche dem gesellschaftlich Akzeptierbaren eigentlich nicht entspricht). Ich sehe darin zu wenig Wahrhaftigkeit.
Im Fazit interessiert mich nicht das Literarische, sondern dessen Gegenteil.
Im Blog-Zusammenhang: Niemand mag so schwarz-verschattet bloggen, wie es die 'Schatten der Ereignisse' (M. Walser) erforderten.
'Die Schatten fallen' eben nicht (M. Walser), ob weiss oder schwarz, es wird einfach dunkel. Für eine Motivation #2, um mich in der Welt der Sprache beheimatet zu fühlen, bin ich zu schwach im Glauben (an ein konsistentes gedankliches Universum, an die Gültigkeit von Ideen etc.).

3. Um in einer Blog-Community /einer Fachwelt Bestätigung zu erfahren?
Die Welt kann, u. U. und ganz in Widerlegung der Frage, abgesteckt sein zwischen Ausgrenzung (durch andere) und (eigener) Verweigerung. Die Idee einer Community kommt dann im Innern nicht vor. (Dem definitionsgemässen Zweck, mit einem Blog relevant, informativ und nützlich für andere /die Leser zu sein, muss ich nicht zwangsläufig folgen.)
Der Status von notMute war der einer kommunikationsfreien /zweckfreien Analyse. Für deren Ergebnisse (als geistiges Gut, sei es wissenschaftlicher, künstlerischer oder persönlicher Art) gilt:
Was jemand in der Öffentlichkeit preisgibt, kann und wird gegen ihn verwendet werden. Es wird entwendet werden.

4. Um an Veränderungen in der Welt teilzuhaben?
• Veränderungen. - Es ist keine ermutigende Bilanz (auch nicht, wenn ich meine notMute-Artikel überschaue), wo überall die Welt unerschütterlich zum Falschen hin verändert wird.
• Teilhaben. - "Sich souverän und besonnen einbringen ... und aus allem heraushalten, was einen nicht gut aussehen lässt." – Sozial integriert zu sein auf diese Art und 'taktisch klug': wie abstossend. (Was wäre es dagegen für ein interessanter, subversiver, aus dem Tiefschlaf holender Akt, mit einem (fassadedurchstossenden) Einwurf "absolut peinlich" zu sein.)
• Welt. - Wenn das Leben zu Ende ist, ist die Unvorhandenheit der Welt (einschliesslich der Zeit) umfassend. - Im Interesse eines ordentlichen Ablaufs der Lebens-Restzeit gibt man üblicherweise vor, Bestrebungen, die über diese hinaus gehen, wären nicht gegenstandslos.
Und die Ablauf-Regelung mündet in: "Nur geldwertes Tun ist lebens- berechtigendes Tun" (was die Wertlosigkeit von Schreiben im Blog einschliesst).
(Geldwertes Tun. - Ein lustvolles Verhältnis hatte ich dazu nie.
Die Textzeile von H. van Veen "Das Leben geht so oder so vorbei." hatte mich schon vor 30 Jahren geschädigt... und S. Jobs Stanford-Rede 2005.)

5. Um Emotionen den freien Lauf zu lassen?
Unterhaltsam schreiben zu wollen – böse, humorvoll, bewegend oder spannend – schliesst sich schon in Punkt 3 aus (unterhaltsam für wen? – in einer Selbstaufklärung ist dazu kein Antrieb).
Allerdings war es eine Emotion beim Lesen, die mich direkt zu dieser abschliessenden Selbstbefragung 'Schreiben und Lesen' veranlasste: eine Charakteristik zu J. Fischer in Titanic, Briefe an die Leser, 2009-12, "Vergleichen Sie, Joseph Fischer".
Ironie gibt es in meinen notMute- Artikeln in unsichtbarer Dosierung. Im Vergleich zur Titanic war meine Blog-Meinung zu Joseph Fischer aber einfach Nichts.

Titanic-Satire (als ein Beispiel dafür) ist passend (emotional wie sachlich) und wirkungsvoll.
Wirken zu wollen, geht mir völlig ab. – Ich wollte durchaus, dass mein Blog-Schreiben passt. Es sollte die jeweiligen Themen der Artikel genau treffen – aber wenn es nicht Wirkung beabsichtigte, was ist es dann?


Schreiben ist nichts. Wohlformulierte Sätze sind so wahr wie unwahr. Wahr an Geschriebenem ist, was wahr genommen wird. In diesem Sinne ist Blog-Schreiben Unsinn.
Mag eine gesellschaftliche Wirklichkeit noch so absurd sein, das Statement irgend einer Fachwelt noch so verdunkelnd und falsch: ich gehöre mit meinen Gegenpositionen der jeweiligen Fachwelt, der Gesellschaft, nicht an und meine Kritik wirkt am Ende unangebracht (im doppelten Sinn).

Aber am Schluss (bevor der Füllfederhalter des Lebens leer ist) doch einen Tintenfleck auf einem unbeschriebenen Blatt Papier machen – als Kommentar und "letzten Gruss an eine Trillion Jahre freien Falls durch kalte Finsternis".
Das mit dem Tintenfleck ist, glaube ich, von Rühmkorf.

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[1] Die Abbildung oben zeigt einen Ausschnitt aus dem R. Crumb Cartoon 'Sie sind hinter mir her' aus 'Die 17 Gesichter des Robert Crumb', 1972(?), Übersetzung Harry Rowohlt, Zweitausendeins. Rechte beim jeweiligen Inhaber.

[2] Beim Nachlesen meiner Artikel kann ich das abweisenden Gehabe im notMute-Schreibstil selbst nicht ganz ernst nehmen.

[3] Weiterführend zum Thema "Meinung" in einer anderen, der journalistischen, Richtung: "Meinung als journalistisch Relevantes zu verkaufen, ist Belästigung." Wiener Universitätsprofessor K. P. Liessmann, ("Theorie der Unbildung" Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Serie Piper, Piper Verlag GmbH, München)



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