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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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"2000 - 2009. Rückblick auf die Dekade"



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Rückblick auf die I.T.-Dekade 2000 bis 2009

XHTML Dekade

Für mich begann die Dekade eigentlich in dem Moment, als der Student David S. mein Arbeitszimmer an der Uni mit dem Satz betrat: "Tipp mal google.com ein".
Innerhalb von Sekunden hatte ich vergessen (und ich kann mich bis heute nicht erinnern), wo und wie ich bis dahin im Internet gearbeitet hatte. - So sehen epochale Umbrüche aus!
Jetzt, zum Ende der Dekade, hat mein Fernseher den Geist aufgegeben. Mache ich mir Gedanken um ein Ersatzgerät? - Nein, die Nachfolge ist längst da (sie hat ein Keyboard und einen DSL-Anschluss).

Zwischen diesen beiden Eck-Ereignissen (Revolutionen) gab es eine Reihe von kleinen I.T.-Revolutionen (etwa zur Halbzeit der Dekade), die eher schleichend einsetzten, die daher nur im Rückblick als solche zu erkennen sind und an die ich mich hier erinnere:
• SQL -- nie wieder Filemaker, Access oder 4th Dimension
• USB Stick -- nie wieder CDs brennen
• Firefox -- nie wieder Microsoft-Diktatur
• RAW -- nie wieder Kodachrome
• Wikipedia -- nie wieder Brockhaus

Fast würde ich noch ergänzen wollen "Linux -- nie wieder Windows", "mp4 -- nie wieder Musik-CDs" und (wenn man über den I.T.-Tellerrand schaut): "Selbstversorgung -- nie wieder Tiermehl und Gen-Mais" oder "Piratenpartei -- nie wieder Überwachungsstaat".
Aber diese Bewegungen sind mehr oder weniger Illusion oder (im Fall der Piraten) einfach Demagogie.


Zu meinen fünf I.T.-Lieblings-Revolutionen hier meine fünf Kommentare:

SQL bedeutet für mich etwas anderes als für Informatiker oder Büro-Angestellte. Für jene hat SQL die altbekannte relationale, verstrickte Komplexität. Für Anwender auf meiner Ebene bedeutet SQL im Gegenteil das Abwerfen des relationalen Overheads. Brauche ich noch ein 200 MB grosses Programm, um meine eigenen Daten verwalten zu können? – Nein. Meine Datenbank ist kein Programm mehr, sondern einfach eine Datei (200 KB statt 200 MB) aus lesbarem Text, 1 Datensatz = 1 Zeile.
Brauche ich noch eine ausufernde Entwicklungsumgebung? – Nein, zum Suchen/Sortieren genügt ein kleines CGI-Skript.
SQLite oder MySQL steht im Betriebssystem ohnehin bereit, zum Layout der Daten benutzt man ein kleines Tool (z.B. Base) und zum Editieren irgend einen kleinen Texteditor - das ist alles.
Die jüngste Version von 4th Dimension führt zwar im Namen "SQL", aber eine Entwicklungsumgebung, die mir nicht einmal einen einfachen SQL-dump ausgeben kann, kann ich nicht mehr brauchen.

Vom USB-Stick (Memory Stick) dachte man zunächst auch: "just another technology". Das war zu einer Zeit, als in der ganzen Welt jedes Jahr tausende Tonnen sogenannte "verbrannte Rohlinge" auf den Deponien als Plastik-Schrott landeten.
Die 1.44-Diskette hatte ein paar Jahre zuvor ausgedient und um deren Nachfolge bewarben sich Cartridges sogenannter Zip-, Jazz- oder MO-Drives. Die PC-User entschieden jedoch mit ihrem Kaufverhalten das Rennen zu Gunsten des CD-Brenners. Wenn Daten zu transportieren waren (manchmal nur ein paar Hundert KB zwischen zwei Rechnern, die auf dem selben Schreibtisch standen), wurden diese auf eine Plastik-Scheibe (CD) gebrannt, welche nach dem Übertragen dann in den Papiekorb flog.
Einen Memory Stick in der Hosentasche zu haben, war nicht nur chic und praktisch, es machte vor allem der ungeheuren Verschwendung von CD-Plastik ein Ende.

Firefox existierte auf meinem Rechner zunächst (2003) unter dem Namen Firebird (Phoenix). In den Jahren zuvor war der WWW-Browser Netscape, der Nachfolger des legendären Mosaic, in seiner Entwicklung in Stagnation geraten - Microsoft's Internet Explorer beherrschte nunmehr das WWW-Geschehen.
Aus heutiger, entspannter Sicht - mit W3C-Standards, die allgemein anerkannt sind - ist die damalige, deprimierte Stimmung, an die ich mich erinnere, kaum noch verstehbar:
Das World Wide Web, die bahnbrechendste Umwälzung seit Erfindung des Buchdrucks, war von einem einzigen Unternehmen unter Kontrolle gebracht, welches bewusst abwegige technische Details in's WWW einbrachte, um Abhängigkeiten aufzubauen und um Unternehmen, die Microsoft nicht hörig sein wollten, in's Abseits zu drängen.
Ich war gerade dabei, meinen HTML-Code vom Amateur-Niveau zu befreien, sah mich aber (wie Tausende andere Redakteure auch) dem Druck ausgesetzt, Code a la Microsoft zu schreiben, wenn dessen Browser den Inhalt richtig darstellen sollte. Es war alles andere als ein lichter Moment.

Heute - 5 Jahre später - haben W3C mit XHTML und CSS sowie Browser wie Firefox und Opera das Monopol von Microsoft gebrochen.
Die Erleichterung und Befreiung, die damit eintrat, ist gar nicht zu überschätzen.

Mit dem RAW-Format arbeite ich bis heute nicht. Das bestauflösende JPG-Format ist für mich die praktikabelste Wahl.
Interessant an der digitalen Fotografie ist, wie sie sich langsam eingeschlichen hat. Meine letzte Patrone mit analogem Film kaufte ich 2001. Dass heisst aber nicht, dass ich da schon der Qualität und den Möglichkeiten der digitalen Aufnahmen wirklich vertraute.
Ich hatte mir im Sommer des selben Jahres eine DV-Kamera gekauft und diese umfangreich genutzt, ohne zwei Konsequenzen daraus abschätzen zu können:
a) es bleibt nie genügend Zeit, um das DV-Bandmaterial zu sichten, zu schneiden und in eine komprimierte Datei zu kodieren.
b) die Möglichkeit, mit der DV-Kamera auch JPG-Fotos zu schiessen, hielt mich davon ab, je wieder einen analogen Film zu kaufen.

Mit der Qualität und Auflösung dieser JPG-Fotos war ich natürlich unzufrieden. – Die Erfahrung meiner diesbezüglichen Faulheit (nicht die Begeisterung für die digitale Fotografie an sich) nötigte mich Anfang 2004, eine 8-Megapixel-Kamera (Nikon 8700) zu kaufen. Die Wertschätzung und Beherrschung des digitalen Bildes kam erst danach.

Wikipedia ist die heutige Quelle, aus der jederman schöpft, will er z.B. die Discographie von Frank Zappa chronologisch haben oder will er wissen, wo die Russen ihre ausgedienten Atom-U-Boote versenken.
Brockhaus dagegen ist ein grosser Name (wie Kodachrome), der quasi noch als Synonym für Hochkultur steht, der aber Vergangenheit ist.
Meinen Neuen Brockhaus (vierbändig + Atlas) von 1936 vergöttere ich geradezu, aber den Sprung in's 21ste Jahrhundert hat Brockhaus nicht geschafft.
Eine Online-Ausgabe war angekündigt, aber zum Start-Termin im April 2008 hatte der Verlag kleinlaut gekniffen.
Beim aufgeführten Beispiel Frank Zappa fällt mir natürlich auch das altehrwürdige Rocklexikon ein (ich habe die wortgewaltigen Musik- analysen des Autors und Radio-Moderators Barry Graves noch im Ohr).
Es ist Geschichte.



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