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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Goedart Palm, Simulacron Drei,
Fachartikel in TELEPOLIS spezial 02/2007, Kosmologie, S. 111-115,
Heise Zeitschriften Verlag, Hannover.
sowie "Welt am Draht"

notMute Artikel



Wir leben in einer sich selbst antreibenden Sinn-Selektion

Die Frage im Untertitel des besprochenen Artikels lautet: "Leben wir in einer künstlich generierten Computersimulation?".
Die Antwort, wie sie der Titel meines Kommentars gibt, lässt erkennen, dass ich Ansatz und Rückschlüsse der aufgeworfenen fundamentalen Fragen zur Erkenntnistheorie anders sehe. Gleichzeitig bin ich beeindruckt von der Freiheit des Artikels, ein solches Gedankenspiel konsequent weiterzudenken.

Der Autor Goedart Palm geht bei seiner Themendiskussion von folgenden Kategorie-Paaren aus:

Den Kernaussagen des dem Thema zugrunde liegenden Romans [1] (und dessen Verfilmung [2]) verrpflichtet, muss der Autor solche Kategorien in der erkenntnistheoretischen (oder auch: kosmologischen) Frage nach der Computersimulation als wichtig erscheinen lassen. Aber sind diese Kategorien wirklich wichtig? Spielt es wirklich eine Rolle, ob wir Versuchskaninchen oder Laborant sind? [3]
Die o.g. Kategorien halten sich an eine Prädisposition, die der Welt eine Hierarchie von Herrschaft und Absicht zu grunde legt.
Durchaus spürbar ist dahinter eine Prägung auch des Autors selbst, in Kategorien von Herrschaft und Absicht zu denken, die, sicher zum einen beruflich bedingt (Who is ruling who? - die Welt des Anwalts), vor allem aber (bewusst oder unbewusst) eines ist: christlich (Herrgott und Schöpfung -- Machthierarchie und Eigentum).

Die Analogie von computergenerierter Logik und Welt führt, entgegen einer These im Artikel, nicht zwingend zur Aussage "Die Welt ist eine Simulation" - eine Schöpfung Gottes (inclusive Herrschaft, Urgrund und Absicht), sondern lediglich bzw. im Gegenteil zur Aussage: "Die Welt generiert und erweitert sich laufend selbst gemäss einer (unentrinnbaren) Maschinenlogik." Ob diese Maschinenlogik einer Simulation gleichzusetzen ist, lässt sich nicht verifizieren. Gemeint ist damit jedenfalls ein der Welt immanenter Zwang, den wir als Sinn bezeichnen.
Der Ablauf des o.g. Welt-Generierens sieht, aus alltäglicher Sicht, so aus:

Das Vierte-Tasche-Problem
Jemand steht vor seiner Wohnungstür und sucht den Schlüssel. Der Schlüssel muss in einer von drei Reisetaschen sein. Nachdem der Schlüssel in zwei Taschen nicht auftaucht, muss er in der dritten sein. (im weiten Sinne: "Naturgesetz") Nachdem der Schlüssel auch in der dritten Tasche nicht auftaucht, ergibt sich ein Sinn-Zwang: Es fällt dem Suchenden ein, dass es heute den Einkauf einer vierten Tasche gab, die noch im Wagen liegt. In der ist dann der Schlüssel.
Die triviale Kausalität sagt, dass die vierte Tasche wegen der vielen Souvenirs nötig wurde. Eine andere Kausalität sagt, dass von Souvenirs oder einer vierten Tasche keine Rede wäre ohne das Fehlen des Schlüssels in der dritten Tasche. Wie dem auch sei, es wird nie mehr eine Welt ohne vierte Tasche geben ("Generieren von Welt").

Gezielten Sinn-Zwang nennen Physiker Experiment und es sollte ihnen bewusst sein, dass sie damit Welt generieren (nicht in der Abteilung Taschen, sondern am Limit des Beobachtbaren in der Physik).
Das Denken (die Welt) ist eine Sinnmaschine - zwingend. Würde das Denken nur einmal ein Abweichen von dem unendlich schmalen Weg der Sinnhaftigkeit (meistens: der kausalen Logik) tolerieren, wäre die Membran durchstossen, die uns von der Hölle der unendlich vielen Welten des Chaos trennt (in denen wir als winselndes Nichts versinken würden). – Dass es auch unendlich viele andere Welten bei Einhaltung kausaler Logik oder bei Verfolgung eines anderen Sinns gibt/gäbe (Selektion), ist hier nicht Gegenstand.

Die Welt (das Denken) ist so wirklich oder unwirklich (Computer- simulation), wie wir es alltäglich hinzunehmen haben. Ob man dabei die Welt als Simulation begreift oder nicht, kommt auf das selbe hinaus: in ihrer monströsen Komplexität  [4] bleibt die Welt so oder so unbeherrschbar und ist nicht zu Ende zu denken.  [5]
Lediglich beim sicheren, endgültigen "Herunterfahren" (den vorangehenden persönlichen Verfall, den Verlust, den Schmerz heute schon ahnend) fällt unser Beharren auf Weltgründe wie Herrschaft und Absicht auf uns zurück, in Höllenfahrt oder Dankbarkeit.
Ich zitiere das "Herunterfahren" - eine Metapher im Artikel - gern.
Es bringt Erkenntnis, dessen verdichteter Sprache zu folgen, auch wenn die Einführung einer Art von "Platzhirsch-Denken" (Wer ist hier der Boss?, Prometheus-Gedanke etc.) in ein wissenschaftliches Thema eher in Richtung Science Fiction weist.

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[1] Simulacron-3, Science-Fiction-Roman von Daniel F. Galouye, 1964
[2] Welt am Draht, zweiteiliger Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder (dessen Ausstrahlung durch die ARD ich 1973 an einem schwarz-weiss-TV verfolgt hatte)
[3] Eine Frage, die eigentlich schon in Galouye's Roman beantwortet ist, indem es Achill unmöglich ist, die Schildkröte einzuholen (in einer Welt, in der eine Welt simuliert wird, in der eine Welt simuliert wird).
[4] Ergänzung 2012: Link zu Cary and Michael Huang, The Scale of the Universe 2
[5] Ergänzung 2012: Die alberne Vorstellung der Simulation als "Gefangenschaft, die es zu erkennen und durch Ausbruch zu überwinden gilt", zieht sich bis heute durch die Fachartikel. ( Constraints on the Universe as a Numerical Simulation) / (Ray Kurzweil) / Besprechung des selben Artikels auf heise.de).
– Ob der Tod etwas beendet, das man "Simulation" nennt oder etwas, das man "Welt" nennt, ist schliesslich vollkommen identisch. Eine Simulation ist, wenn, dann als eine unendlich verschachtelte (Simulation einer Simulation) zu denken. Die Annahme einer obersten Ebene, in der allmächtige Männchen an Regelknöpfen drehen, ist einfach dumm.
Ergänzung 2013: Physicists to test if universe is a computer simulation, The Huffington Post UK
[6] Vor 40 Jahren: "Welt am Draht"




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