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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Ein Kommentar zu:
Goedart Palm, "Simulacron Drei",
TELEPOLIS spezial, Kosmologie.
sowie "Welt am Draht"

notMute Artikel


Wir leben in einer sich selbst antreibenden Sinn-Selektion.

Die Frage im Untertitel des besprochenen Artikels [1] lautet: "Leben wir in einer künstlich generierten Computersimulation?".
Die Antwort, wie sie der Titel meines Kommentars gibt, lässt erkennen, daß ich die damit aufgeworfenen fundamentalen Fragen zur Erkenntnistheorie so sehe, daß eine Bejahung/ Verneinung der Frage eigentlich nicht relevant ist.

Der Autor Goedart Palm geht bei seiner Themendiskussion von folgenden Kategorie-Paaren aus:

Den Kernaussagen des dem Thema zugrunde liegenden Romans [2] (und dessen Verfilmung [3] [7]) verrpflichtet, muss der Autor solche Kategorien in der erkenntnistheoretischen (oder auch: kosmologischen) Frage nach der Computersimulation als wichtig erscheinen lassen.
Aber sind diese Kategorien wirklich wichtig? Spielt es wirklich eine Rolle, ob wir Versuchskaninchen oder Laborant sind? [4]
Die o.g. Kategorien halten sich an eine Prädisposition, die der Welt eine Hierarchie von Herrschaft und Absicht zu grunde legt.
Durchaus spürbar ist dahinter eine Prägung auch des Autors selbst, in Kategorien von Herrschaft und Absicht zu denken, die, sicher zum einen beruflich bedingt (Who is ruling who? – die Welt des Anwalts), vor allem aber (bewusst oder unbewusst) eines ist: christlich (Herrgott und Schöpfung — Machthierarchie und Eigentum).

Die Analogie von computergenerierter Logik und Welt führt, entgegen einer These im Artikel, nicht zwingend zur Aussage "Die Welt ist eine Simulation" – eine Schöpfung Gottes (inclusive Herrschaft, Urgrund und Absicht), sondern lediglich bzw. im Gegenteil zur Aussage:
Die Welt generiert und erweitert sich laufend selbst gemäss einer (unentrinnbaren) "Maschinen"logik. [9]
Ob diese Maschinenlogik der Welt einer Simulation gleichzusetzen ist, lässt sich nicht verifizieren. Gemeint ist damit jedenfalls ein der Welt immanenter Zwang, den wir als Sinn bezeichnen.
Der Ablauf des o.g. Welt-Generierens sieht, aus alltäglicher Sicht, so aus:

Das Vierte-Tasche-Problem.
Jemand steht vor seiner Wohnungstür und sucht den Schlüssel. Der Schlüssel muss in einer von drei Reisetaschen sein. Nachdem der Schlüssel in zwei Taschen nicht auftaucht, muss er in der dritten sein (im weiten Sinne: "Naturgesetz").
Nachdem der Schlüssel auch in der dritten Tasche nicht auftaucht, ergibt sich ein Sinn-Zwang:
Es fällt dem Suchenden ein, dass es an diesem Tag den Einkauf einer vierten Tasche gab, die noch im Wagen liegt. In der ist dann der Schlüssel.
— Die triviale Kausalität sagt, dass die vierte Tasche wegen der vielen Souvenirs nötig wurde. Eine andere Kausalität sagt, dass von Souvenirs oder einer vierten Tasche keine Rede wäre ohne das Fehlen des Schlüssels in der dritten Tasche.
Wie dem auch sei, es wird nie mehr eine Welt ohne vierte Tasche geben ("Generieren von Welt").

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Gezielten Sinn-Zwang nennen Physiker Experiment und es sollte ihnen bewusst sein, dass sie damit Welt generieren (nicht in der Abteilung Taschen, sondern am Limit des Beobachtbaren in der Physik).
Das Denken (die Welt) ist eine Sinnmaschine – zwingend. Würde das Denken nur einmal ein Abweichen von dem unendlich schmalen Weg der Sinnhaftigkeit (meistens: der kausalen Logik) tolerieren, wäre die Membran durchstossen, die uns von der Hölle der unendlich vielen Welten des Chaos trennt (in denen wir als winselndes Nichts versinken würden).
– Dass es auch unendlich viele andere Welten bei Einhaltung kausaler Logik oder bei Verfolgung eines anderen Sinns gibt/gäbe (Selektion), ist hier nicht Gegenstand.

Die Welt (das Denken) ist so wirklich oder unwirklich (Computer- simulation), wie wir es alltäglich hinzunehmen haben. Ob man dabei die Welt als Simulation begreift oder nicht, kommt auf das selbe hinaus [8]: in ihrer monströsen Komplexität – [5] bleibt die Welt so oder so unbeherrschbar und ist nicht zu Ende zu denken. [6]
Lediglich beim sicheren, endgültigen "Herunterfahren" (den vorangehenden persönlichen Verfall, den Verlust, den Schmerz heute schon ahnend) fällt unser Beharren auf Weltgründe wie Herrschaft und Absicht auf uns zurück, in Höllenfahrt oder Dankbarkeit.

Ich zitiere das "Herunterfahren" —eine Metapher des Artikels— gern.
Es bringt Erkenntnis, dessen verdichteter Sprache zu folgen, auch wenn Palm's Einführung einer Art von "Platzhirsch-Denken" (Wer ist hier der Boss?, Prometheus-Gedanke etc.) in einer wissenschaftlichen Publikation (Telepolis. Kosmologie) eher in Richtung des Literatur-Genres Science Fiction weist.

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[1] Goedart Palm, Simulacron Drei, in TELEPOLIS spezial 02/2007, Kosmologie, S. 111-115, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover.

[2] Simulacron-3, Science-Fiction-Roman von Daniel F. Galouye, 1964

erkenntnistheorie 1

[3] Welt am Draht, zweiteiliger Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder (dessen Ausstrahlung durch die ARD ich 1973 an einem schwarz-weiss-TV verfolgt hatte)

erkenntnistheorie 2
Bild: © StudioCanal//WDR via www.tor-online.de/..welt-am-draht

[4] Eine Frage, die eigentlich schon in Galouye's Roman beantwortet ist, indem es Achill unmöglich ist, die Schildkröte einzuholen (in einer Welt, in der eine Welt simuliert wird, in der eine Welt simuliert wird).

[5] Ergänzung 2012: Link zu Cary and Michael Huang, The Scale of the Universe 2

[6] Ergänzung 2012: Die unsinnige Vorstellung der Simulation als "Gefangenschaft, die es zu erkennen und durch Ausbruch zu überwinden gilt", zieht sich bis heute durch die Fachartikel. ( Constraints on the Universe as a Numerical Simulation) / (Ray Kurzweil) / Besprechung des selben Artikels auf heise.de).
– Ob der Tod etwas beendet, das man "Simulation" nennt oder etwas, das man "Welt" nennt, ist schliesslich vollkommen identisch. Eine Simulation wäre, wenn, dann als eine unendlich verschachtelte (Simulation einer Simulation) zu denken. Die Annahme einer obersten Ebene, in der allmächtige Männchen an Regelknöpfen drehen, ist einfach niveaulos.
Ergänzung 2013: Physicists to test if universe is a computer simulation, The Huffington Post UK

[7] 2013-10: Vor 40 Jahren: "Welt am Draht" (heise.de)

[8] 2016-08: Zehn Jahre nach meinem Artikel taucht meine These in einem Artikel auf bei: singularityhub.com

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[9] Addition :

Dear Lee Smolin,
dear Jaron Lanier,
it's about philosophy, cosmology and authorship

Initially I thought your paper "The Autodidactic Universe" (Perimeter Institute for Theoretical Physics, Ontario) is a theft of my ideas. Then I realised the paper is at large quite doubtful (and you didn't perhaps even hear about my essays).
The paper adds a further possible primal ground to the cosmological discussion – the world as:
God's creation
computer simulation
subset of everything (chaos), selected by sense
autodidactic machine learning.

The most promising sentence in your paper (one of the few that have truth in it) is

The values [of physical constants] are set as the result of a dynamical process, which means it can be modelled analogously to all the other time dependent processes we are familiar with.

But the big wrong assumption of the whole paper is the dynamical process that spawns laws, constants etc. would be an act achieved by the Universe, as if it were a computational machine. – The Universe can't "act", can't "make decisions", can't "achieve" (or learn) something actively. (And that's the difference to my own papers.) A dynamical process that spawns something can only be the result of an antagonism, of an active (living) dualism. Of the dualism Universe - perception [*].

Sensemaking, decisionmaking, learning (I called it 'self-propelled selection', you call it 'machine learning without supervision') is the topic... your paper tries to attribute all this to the Universe itself (to the 'noise floor' as I call it). But the Universe isn't a being or a machine. It is not even a matrix or an algorithm (in the mathematical sense). The Universe itself remains what it is: everything and nothing.
The following sentence (from the abstract) sadly would be fit for an alchemist from 300 years ago:

We consider other protocols for autodidactic physical systems, such as optimization of graph variety, subset-replication using self-attention and look-ahead, geometrogenesis guided by reinforcement learning, structural learning using renormalization group techniques, and extensions.

You can churn this concoction as long as you want. No gold will deposit on the ground.
But for what reason the paper was written? What was the scientific necessity? – Actually there wasn't one. To dress up the old mystery where laws of nature come from with the fancy new topic 'machine learning' isn't a scientific necessity. It isn't even an idea.
To 'learn' and to 'preserve sense' are expressions for the same (ideational) subject when the Universe builds up. But I doubt a link to machine learning. Simulation is not the core of the question (as mathematics is not the only way of perceiving/ thinking the universe).
When I subtract technical details of machine learning from your paper there remains nothing that wasn't already said about the origin of laws of nature 14 years ago in my papers or (I'm insignificant) 60 years ago in Erwin Schrödinger's papers. [*]

Instead of pushing science ahead that acts in responsibility for mankind Jewish academic strategy goes round in circles. With the goal of self-aggrandizement it ranges between safeguarding of hegemony, orthodoxy and exaggerated pharisaic speculations in science.

borrowed from 'Demiurg Albert E.'

*  *  *

Fourteen years ago I laid down the core principles how the world is brought to existence, bit by bit, by preserving sense (or by being 'autodidactic' as you call it now).
I used the term 'Maschinenlogik' (see above in German) to describe preserving sense (because it is indeed enforcement).
May be you can draw a parallel between the principles of the Universe and machine learning. But to take one for the other is wrong. Neither the Universe nor the perseption (thinking) is mathematics. Mathematics is only one way to think the Universe. (And when I wrote down the principles the term 'machine learning' didn't even exist.)

The basic properties of the Universe (in this context) I laid down then are these (translated from German into English):

When I "developed" these basics by my own I did not know the work of John Wheeler and his very similar thesis and not the late publications of Schrödinger.

You, Lee Smolin and Jaron Lanier, did not refer to Wheeler nor Schrödinger, all the more you didn't mention my name for authorship of some basic notions behind your paper topic. – Quite unkind.

One of my papers you should have been referencing at least:

(I'm afraid my review is just as boring as the paper The Autodidactic Universe itself.)

Stephen Winter

[*] Dualism doesn't mean 'Universe' and 'perception' are opposing or independant entities. One does not exist without the other. Both are ideational. Both are one.

Erwin Schrödinger in 'Mind and Matter' (1958):

The world is given to me only once, not one existing and one perceived. Subject and object are only one. The barrier between them cannot be said to have broken down as a result of recent experience in the physical sciences, for this barrier does not exist.

Erwin Schrödinger in 'Die Besonderheit des Weltbilds der Naturwissenschaften' (1960):

Unser wahrnehmendes und denkendes Ich ist nirgendwo im Weltbild anzutreffen; weil es nämlich selber dieses Weltbild ist.

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