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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Rüdiger Vaas, Ist uns das All auf den Leib geschneidert?
Titelbeitrag in bild der wissenschaft 8/2006, S. 32-49,
Konradin Medien, Leinfelden-Echterdingen


notMute Artikel



Wir sind der Schneider, wir sind der Leib
des Universums [1]

Blasenkammer Universum

Meine Antwort auf die Frage "Ist uns das All auf den Leib geschneidert?" lasse ich mit ebenfalls einer Frage beginnen (wobei diese mit Erkenntnistheorie zunächst nicht viel zu tun zu haben scheint):
Wundern wir uns, wenn die Damen auf einem Empfang eine Garderobe tragen, die perfekt harmoniert?
Nein. Denn es macht Sinn für die Damen, gut auszusehen.

Wundern sich Kosmologen, dass das Leben nicht existieren würde, wären die Naturgesetze und -konstanten nicht auf's Tausendstel genau so, wie sie sind?
Ja. Denn von Sinn als kosmologischer Kategorie (und Zentralbegriff der Erkenntnistheorie) haben Kosmologen noch nie etwas gehört.
Sie meinen, die Welt sei erst einmal sinnfrei und komplett "da" und werde von ihnen dann Stück für Stück "erkannt".
Ein banaler, für Kosmologen anscheinend aber unverzichtbarer Irrtum.

Vom Kopf auf die Füsse gestellt, sieht Wirklichkeit so aus: die Welt ist nicht "da". Die Welt baut sich auf - mit jeder nachvollziehbaren Wahrnehmung (oder Logik) ein weiteres Stück. Genauer gesagt: ein winziger Ausschnitt aller möglichen Welten baut sich auf. Denn Wahrnehmung (oder Logik) ist unendlich selektiv.

Wenn Licht als erstes da ist (eine biblische Variante) und sonst keine Differenzierung, dann wird die erste Differenzierung durch Hinterfragung des Lichts nicht sein: leichtes und schweres Licht, sondern helles und weniger helles Licht - weil das immanent Sinn macht.
Und jedesmal, wenn die Welt zu hinterfragen ist, wird die Antwort der Welt eine sein, die das Entstehen der Frage nicht ad absurdum führt (die das Entstehen der Frage im Rückschluss nicht unmöglich macht).
Auf diese Weise können gar keine "Naturkonstanten" aus dem unendlichen Fundus des hinter unserer Wirklichkeit verborgen liegenden Chaos auftauchen, die nicht haargenau das erfüllen, was die Frage nach ihnen möglich macht.

Die Antwort auf eine Sinnfrage (die des Kleinkindes heisst nicht von ungefähr: warum?) kann keine andere als eine sinnhafte sein. Die Wahrnehmung (und Wahrheit) des Denkens ist damit extrem selektiv.
Jede Sinnbestätigung baut auf eine vorhergehende Sinnbestätigung auf. Das entstehende Sinn-Gebäude wird universum-gross, ist aber gleichzeitig nur ein zarter Faden, unendlich schmal im Verhältnis zu dem, was nicht zum Sinn-Gebäude passt und vom Denken ausgeblendet ist. Wo dieser Faden reisst, tut sich die Verdammnis auf, der Irr-Sinn (der alltäglich in Anstalten weggesperrt wird, der aber eigentlich anderen Dimensionen angehört: denen des unbegrenzten Grauens).
- Ein Physiker dagegen macht es sich zum Beruf, diesen Faden (um Himmels Willen) nie zu verlassen.

So ist das Weltgebäude mit seinen "Naturkonstanten" nur in uns selbst (uns auf den Leib geschneidert) - eine Feststellung, durch die sich die Grundlagenforschung glücklicher weise nicht die Motivation trüben lässt. Doch alles, was die Forschung erreichen kann, ist immer wieder eine höhere Schleife in der eigenen, inneren Sinnfindung des Denkens. Was die Forschung nicht kann, ist: den Herrgott an den Nasenhaaren packen und rufen: Hah! - Erwischt bei einer Unstimmigkeit dieser krummen kosmologischen Konstanten!

Gott ist in der Dualität, oder besser:
Gott ist die Nicht-Singularität, nicht mehr und nicht weniger.
Ist das zu wenig? - Es ist unendlicher Reichtum. Dualität heisst: es gibt ein Gegenüber, ein Anderes, einen Spiegel des Einen.
Die Eins bezieht ihre Existenz aus der Null und die Null bezieht ihre Existenz aus der Eins. Mehr ist es nicht. Es ist das Sein, die Welt und das Leben. Wäre es nicht ein einmaliges, kurzes Aufflackern, könnte man es als grossartig, gigantisch bezeichnen.

Dualität, ein Gegenüber haben, sich spiegeln und wiederfinden im Anderen - das ist das einzige Wesen Gottes, sein einziges "Bedürfnis". Und es ist das einzige, was sich aus sich selbst erklärt und erklären kann:
DIE EXISTENZ IST.
Sie kann logisch nicht anders, als sein. Die Singularität, das Gegenteil der Dualität, der Existenz, ist logisch NICHT.
DIE NICHTEXISTENZ ist logisch NICHT.
Den Kosmologen (für die Logik etwas ist, das immer da ist und vom Menschen nur "erkannt" werden muss) wäre das eine Formel für die Ewigkeit des Seins.
Aber Logik vergeht. (Nicht nur neuronale logische Verarbeitung vergeht, sondern Logik als solche. [1] ) Nach einer kurzen Zeit des denkenden Lebens (des Sinn-gebens) gewinnt das Sinn-verzehrende, das Chaos (bei neuronaler Verarbeitung: das Grauen) und der Tod löscht die Logik.

Fazit:
Das Anthropische Prinzip (besser: Der Antropische Imperativ) lautet:
Die Beobachtung muss so sein, dass sie die Entstehung eines Universums zulässt: sie muss differenzierend, nicht-singulär sein.
(Anders ausgedrückt: Nichts kann nicht beobachten.)
Noch anders ausgedrückt (in Ablehnung dessen, was mir der hier kommentierte Artikel verkaufen will): ich schneidere mir so einen Kosmoligie-Flickenrock lieber selbst auf den Leib.


Nachtrag 2006-09:
Das Universum nach Kategorien der Ästhetik aufgebaut zu sehen, nach Rhythmik, Symmetrie, Reihung, Variation, Ballance usw., ist wunderbar, es ist tatsächlich so wie ein "grosser, schöner Gedanke" (James Jeans) - nur leider für den Denkenden auch fliehend und auf ewig vergehend wie dieser.

Nachtrag 2013-02:
6 Jahre nsch dem Verfassen dieses Artikels bin ich durch www.quantumdiaries.org auf Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob (28 MB) aufmerksam geworden: die Annahme von Möglichkeit und Fiktion als Wirklichkeit.

[1] (Nachtrag 2014-04-20)
Mein Essay The Universe as Manifestation of Sense,  viXra.org  (PDF)

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