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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Der polnische Maler Zd. Beksinski.
Beksinski - Trost, Kunst und Rezeption von Kunst als Trost



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 WAHN UND ERKENNTNIS
2005-02-22 rückdatiert

Beksiński – Trost (oder wie behauptet sich Kunst?)

Beksinski

Vom Tod des polnischen Malers Zdzisław Beksiński habe ich erst drei Jahre nach diesem tragischen Ereignis gelesen. Dessen Kunst war mir in meiner Studentenzeit (Ende 1970er) aufgefallen [1].
Meine Frage im Titel lautet genauer: "Ist Kunst eine Behauptung gegenüber der Gesellschaft oder gegenüber der menschlichen Existenz als solcher?"

Die grundsätzliche Antwort ist: Wenn die Behauptung einer künstlerischen Arbeit nicht stark ist in beiden Richtungen, landet sie im Depot oder gleich im Müll. Aber am Beispiel Beksiński [2] erkennt man, dass damit nicht alles gesagt ist.

Wie kann das Verwerfen aller aktuellen Kunstströmungen der Zeit (Op Art, Abstract Painting, Post Pop etc.) zugunsten existenzieller Fragestellungen überhaupt gelingen?
Eine Malweise, die das 'plastische Voraugenführen' pflegt, ist Gefahren ausgesetzt, auf die sich kaum ein heutiger Künstler einlassen würde:

Zur Qualität des Metaphysischen vorzudringen, gelingt auch einem Meister wie Beksiński nur selten. Zu oft lässt er in seine Bildfindungen den einen oder anderen jener Aspekte einfliessen, die die Qualität schmälern:

Wo diese Fehler einfliessen, lässt sich Beksiński von seinem Urgrund weglocken, von seiner Wesensart, genau das vorzuenthalten, was von Kunst gemeinhin erwartet wird: Trost durch Bildung der höheren Idee.
Beksiński setzt sich über die verschiedenen gegenwärtigen Kunst- strömungen hinweg, nicht weil er vielleicht eine überlegene andere Ästhetik anstrebt, einen erhabeneren Trost. Es geht um die Abwesenheit des Trostes (um ein 'leises, sinnentbundenes Weinen, weil da nichts ist').
Den Bildbetrachter untröstlich zu machen über die Leere der Welt – das ist viel verlangt – schon gar vom Kunstkritiker, der ästhetisch fassbare Konzepte sehen will.
Wo Beksiński eine klassisch komponierte Bildszene ohne gegenwarts- bezogene Überlagerungen für sich sprechen lässt (unbeirrt von Ismen der Kunstkritik), ist es wie ein 'Böcklin, der ans Äusserste geht' und man kann die Sfumato- Technik und die Vielfarbigkeit in den Braun- und Grautönen bewundern – und natürlich die Konsequentheit in seiner Thematik.

Um die Ausgangsfrage dieses Artikels zu beantworten: stark sein in beiden Richtungen, in gesellschaftlicher Rezeption und in existenzieller Fragestellung, heisst nicht, sich beidem gleichgewichtig zu unterwerfen. Im Gegenteil, Stärke heisst Entschiedenheit in der Durchsetzung des einen mit Hilfe des anderen.
Mir persönlich sind einige von Beksiński's Bildern essenziell wichtig. Sie nehmen der Kunst generell eine Last: Diese Bilder warten nicht mehr darauf, erst noch gemalt zu werden. ("Künstler, ihr seid frei, alles andere zu tun. Die dunkelsten Wahrheiten auf der Leinwand sind bereits ausgesprochen.")

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Die grosse Eigenheit der polnischen Kultur ist das Eingestehen, dass es für den Menschen grundsätzlich eine Illusion ist, Souverän seiner Lage zu sein. (Die polnische Geschichte ist damit geschlagen, dass sich diese Mentalität immer wieder in schicksalhaften Ereignissen bestätigt. Und das oftmals in einer absurd überzeichneten Weise, die solches Schicksal fast schon wie etwas Lächerliches erscheinen lässt.)
Beksiński hat in der Darstellung des Schreckens Gigantisches vorgetragen, er hat in seinen Bildern grosse Metaphern für Bedrohtheit und Tod des Individuums gefunden. Sein eigenes Leben hat ein Ende gefunden, indem er klein und sinnlos wegen ein paar Zloty abgemurkst wurde.
Das Absurde in der Diskrepanz zwischen beidem – das ist sehr polnisch.
Der Tod ist (die einzige) Wahrheit. Aber ist mit dem Festhalten dieser Wahrheit irgend etwas gewonnen? Die Kunst feiert die Illusion des Lebens.


Abbildungen: Galerie Piotr Dmochowski, Paris [2]















Nachtrag von 2010-04:
Der Flugzeugabsturz vom 10 April, bei dem unter tragischen Umständen ein grosser Teil der Führungselite des polnischen Staates ums Leben kam, bestätigt meinen obigen Satz zur Geschichte Polens. Abgesehen davon, dass das Unglück durch eine nahezu absurde Maszlosigkeit erschreckt, haben dessen Umstände daneben auch (hier nicht auszuführende) Aspekte von Fragwürdigkeit oder gar Kleinheit.

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[1] Kunstmagazin 'Projekte', damals erhältlich im Polnischen Kulturzentrum Leipzig;
Später Ansicht eines Originals in einer kleinen Galerie der Stadt Schwerin, Wismarsche Strasse, Ende der 1980er

[2] Dmochowski Gallery





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