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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
Plakatausstellung 2004 des CAD Labors am
Studiengang Architektur der UdK Berlin,
grossformatige Hängung im Cafe Mittelachse


notMute Artikel



Der gottgleiche Architekt

Stumm-Zeichnung: Gottgleicher Architekt

Zum Semesterbeginn 2004 stellte einer der Architektur- Professoren an der Universität der Künste Berlin den Studenten ein theorielastiges Semesterprojekt vor:
"Was erhebt den Architekten in den Stand, den Lebensraum des Menschen gottähnlich kreieren, planen und ideal-formen zu können?" (ungefährer Wortlaut)
Thesen, die sich selbst in Frage stellen und kontroverse Deutungen zulassen, sind kennzeichnend für die Lehre des Professors, die besonders theorie- und philosophie interessierte Studenten anspricht.
Ganz unabhängig vom Verlauf, den die Lehre in diesem Projekt nahm, hatte mich der absurde Aspekt dieser These veranlasst, meine Überlegungen dazu in ein Bild zu fassen. (siehe Plakat unten. Das Plakat bewirbt in einer zweiten Bedeutungsebene die Lehre im CAD Labor des Studienganges).

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Das Wesen des Architektenberufes ist es, eingespannt zwischen den Interessenslagen Dritter gestalterisch zu agieren. Aber ist die Architektenarbeit nur im technischen Ablauf fremdbestimmt durch Eigentums-, Ökonomie- und Rechtsfragen? Oder ist sie nicht auch in höherer Dimension, im Soziologischen, fern von "gottähnlichem" Einfluss?

Meine Antwort im Plakat zeigt die Welt des Architekten gegensätzlich zu der der Themenstellung im Studienseminar: als eine bis in den letzten Quadratzentimeter verbaute Welt, als eine Welt ohne Ausblick und ohne Freiraum.
Lebensaussichten (Baum) sind beschnitten, Zugänge (Treppe) unerreichbar. Einziges Merkmal des Funktionierens dieser Welt sind die allgegenwärtigen Kontrollsysteme, die Sirenen auf den Dächern.
Ratlos in die abweisende Umgebung gestellt ist eine Architekturstudentin im Vordergrund des Bildes. Die Zeichenrolle aber, die sie sich als Attribut des Gestaltens umgehängt hat, hat ihre magische Kraft verloren.
Das Tragen des so sehr verehrten Attributs des Gestaltens wird zur Geste der Hilflosigkeit angesichts der ringsum ragenden Mauern der Macht:
Der Architekt kann den Status quo betonieren oder es lassen.

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Wurde meine, vom Lehrideal distanzierte Position, wie sie das Plakat andeutet, von den Professoren und Architekturstudenten wahrgenommen oder gar diskutiert?
Es ist ein Merkmal des Erfolgs (und Architekten sind Anbeter des Erfolgs),  Zweifel zu ignorieren.
DER ARCHITEKT HAT DAS IDEAL ZUM BERUF - das steht ausser Diskussion, auch wenn das Illusorische des Ideals im 21. Jahrhundert bis zum Absurden deutlich wird.
Acht von zehn Absolventen eines Architekturstudiums finden in diesem Metier keine berufliche Zukunft. – Die Wirklichkeit (als drastisches Beispiel) sieht unter Umständen so aus: Nach ausreichend langer Einkommenspause ist ein Architekt erfreut, die Installation von Monitoring- Kameras im Stadtraum gestalten und projektieren zu dürfen. Kameras, die zur Überwachung des Verhaltens der Bürger benutzt werden, letztlich zur Manifestierung der Unfreiheit dieses Architekten - ein Job, nicht gerade gottgleich, eher demütigend – aber immerhin bezahlt.
Was hier wie eine konstruierte, abwegige Metapher wirkt, ist manchmal auch real: mir war in Ostdeutschland von der Zulassungskommission ein Architekturstudium unter der Bedingung zugesagt worden, dass ich für drei Jahre an der Projektierung von Kasernen der Grenztruppen arbeite.
Sollte ich an meinem eigenen Eingesperrtsein arbeiten?
Ich hatte (im Gegensatz zur Verfasstheit des heutigen Architekten [1]) abgelehnt.

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Auf dem Plakat steht eine fragende Verunsicherung im Gesicht der Architekturstudentin. Die Unmöglichkeit, beim Gestalten auch nur in die Nähe des Wesentlichen kommen zu können, wird noch nicht gewusst, nur geahnt.
Noch ist die Studentin gewillt, sich dem System einzuordnen. – Sie signalisiert das durch die Formgleichheit ihrer Kopfbedeckung mit den Symbolen der Macht, den Sirenen auf den Dächern.

Was der Mensch auf dem Kopf trägt, hat immer eine suggestive Kraft der Identifikation. Im realen Hochschulleben der UdK Berlin (nicht nur in der überhöhten Welt des Bildes im Plakat) wird die Identifikation durch eine Kopfbedeckung jedes Jahr zur Aufnahmeprüfung benutzt und zelebriert.
Die Studienbewerber sollen eine Kopfbedeckung für sich selbst aus Papier fertigen, die etwas aussagt über sie. So geben sie sich unwillkürlich als system-/ studienkonform zu erkennen, oder eben als ungeeignet.

Aber es ist immer noch der Spass beim Unterwandern des Systems, der das Leben in einer Gesellschaft erträglich macht:
Eine der Studienbewerberinnen 2004 hatte eine Kopfbedeckung entworfen, bestehend aus einem Stirnreif mit einem dünnen Kragarm, der den Hut seitlich neben dem Kopf schweben liess. – Eine klare, mutmachende Aussage:
"EUREN GLEICHSCHALTUNGS-HUT SETZE ICH MIR NICHT AUF! DAS KÖNNT IHR BEI EURESGLEICHEN VERSUCHEN!"
Eine Absage an Gesinnungsprüfung und an ein Unterwerfungsritual - und ein dezentes Fingerzeigen auf die prüfenden Professoren.

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Es gibt ihn natürlich in dieser Form nicht mehr: den Idealismus im Streben nach einer anderen Gesellschaft, wie ich ihn hier unterstellt habe (auch der Studentin in Person). Wer sich heute nicht vorbehaltlos verkaufen will, dringt gar nicht erst durch bis zu einer Zulassungsprüfung.
Für mich war es aber interessant, den Zeitgeist einmal um 30 Jahre zurückzudrehen.
Die Welt hat, unabhängig vom Zeitgeist, nie anders funktioniert – aber deren Vernebelung ins "Gottgleiche" ist in manchen Zeiten doch seltsam.

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UdK Berlin, Studiengang Architektur
 grössere Darstellung des Plakates (150K)

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[1] Könnte heute ein Architekt den Bau z.B. der neuen Überwachungszentrale in Berlin (BND, 500 Mio. EUR) ablehnen? (Update 2012: Baukosten ca. 2 Mrd. EUR)  (Update 2014: Getty Images via theguardian.com)
Oder die Projektierung einer milliardenschweren Plutoniumfabrik? Eines 'modernen' katholischen Kirchenbaus - für eine der ältesten Verbrecherorganisationen der Welt?
"Das kann man doch nicht vergleichen" ist nicht meine Meinung.
Mit dem Bau von Grenz-Kasernen in Ostdeutschland wäre ein Architekt Mitte der 80er statistisch am Tod nicht eines einzigen Menschen beteiligt gewesen. – Mit dem Bau einer neuen Rollbahn in Ramstein dagegen ist ein Architekt beteiligt an der Tötung Tausender Unschuldiger im Mittleren Osten.
Der eine Job ist so widerlich wie der andere.
Ergänzung 2014-04: Zehn Jahre nach meiner Behauptung zu Ramstein wird diese durch Details belegt.



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