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IDEALISTISCHE BETRACHTUNGEN - ZUR ERKENNTNISTHEORIE,
ZUM MINISTERIUM FÜR INFORMATIONSBESCHAFFUNG
UND ZU DEM GANZEN SOZIOLOGISCHEN REST
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Der notMute-Artikel ist ein Kommentar zu:
MOJ DRUG IWAN LAPSCHIN - Mein Freund Iwan Lapschin,
Kinofilm, Regie: Alexej German, 1984, Lenfilm UdSSR, 99 min,
Aufführung im Babylon, Berlin


notMute Artikel


 EGO UND IGNORANZ
1988-12-01 rückdatiert

Mein Freund Iwan Lapschin –
Kunst und Künstler im Osten

iwan lapschin

In der Filmhandlung: Unendliche Wirren – im Jahr 1935 in einem Provinznest irgendwo im stalinistischen Russland. (Weiteres zum Film ganz unten)
Im Land der Filmaufführung: Unendliche geistige Einengungen – im Jahr 1988 in Ost-Berlin.
Das Leben der Menschen im Osten war grau und perspektivlos. – Aber es gab eine Kaste von Menschen in Ostdeutschland, die davon lebte, die Tristesse erträglich - den Einheitsbrei schmackhaft zu machen: die Kunst- und Kulturschaffenden der DDR.

Dieser Kaste begegnete ich damals mit einer Abneigung, die mir fast schon körperliche Symptome verursachte.
Ich konnte deren Gesichter und deren Jargon im Fernsehen nicht ertragen und nicht deren biblisches Pathos im Theater.
Es waren die "Zu-schade-für-die-Produktion-Menschen" – Mein Verhätnis dazu hatte natürlich mit der eigenen Erfahrung zu tun, vom gesellschaftlichen System in die zweite Kategorie Mensch geleitet worden zu sein: "Werktätige-in-der-Gülle-Aufbereitung".

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Daher war es schon sehr sonderbar, mich mit jenen Kulturschaffenden am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz zur Grossdemonstration zusammenzufinden - aus gegensätzlichen Gründen mit fast gleichlautenden Spruchbändern.
Natürlich muss man zugestehen: Die DDR-Kultur-Eliten – das waren die Einzigen, die für politisch aktive Bindungen dem Westen überhaupt zugänglich waren. Ohne diese hätte es keine Grossdemonstration in Berlin, und schon gar nicht deren durchorganisierte Wirkung über die Medien, gegeben.

Meine Meinung zu den Kultur-Eliten stand fest: Sie mimten die Alternativen und die Veränderer. Aber im Sinn hatten sie Eines: sich noch mehr abheben zu können von den "grauen Nichtsen", die sie in ihrem Kulturschaffen darzustellen hatten.
Es waren, um das polemische Wort zu gebrauchen, Schranzen (zum grossen Teil Partei-Schranzen) die meinten, es stünde ihnen nicht ein gewöhnliches Schranzentum zu, sondern eines inclusive Toskana-Ferien.
Eine verantwortungsvolle historische Sichtweise oder ein herausgefordertes generelles Rechtsbewustsein konnte man bei den meisten dieser Elite-Mafia nicht voraussetzen.
Nach heutigem Verständnis ist es durchaus legitim, im politischen Streben vor allem die eigenen Interessen zu vertreten. Damals aber, als 17 Millionen Deutsche gleichermassen Geiseln eines sog. Politbüros waren, fand ich es verachtenswert, sich nicht auf einer Stufe zu sehen mit allen anderen Eingesperrten.
Damit meine ich nicht, ich glaubte an irgend eine 'selbstlose revolutionäre Kraft' (wie im demagogischen Vokabular der 68er). Die Wende hatte zwar in diesem Sinne eine solidarische Massenbasis (Montags-Demos), aber der Erfolg der Wende wurde aus anderen, banalen Gründen möglich, die man so benennen kann: 'Auch die Nomenklatura wollte Porno-Kassetten in den Player schieben können.' - Das war alles.

Hier zwei Beispiele, warum ich auch heute (2009) der Kultur-Elite des Ostens keine historisch verantwortungsvolle Haltung zugestehe:

A)
An exponiertester Stelle der Grossdemonstration auf dem Alexanderplatz war ein Banner aufgespannt mit einer Karrikatur von Egon Krenz und dem Spruch "NEID - ER KANN EINFACH ALLES".
Ich frage mich: spielte Neid denn irgend eine Rolle im politischen Denken der Ostdeutschen und vor allem in Bezug auf die SED-Führung?
Ein klares Nein. Die SED-Führung - das war ein Milieu, das den Menschen fern war, dem der Normalbürger mehr oder weniger mit Abneigung oder Fremdheit gegenüberstand.
Undenkbar, dorthin mit NEID aufzuschauen!

-- Es sei denn, man lebte in einer sozial abgekoppelten Welt, die nichts kennt, als den persönlichen Vorteil und das Strampeln um Prestige - wie es bei den "Kulturschaffenden" der Fall war.
(Neid ist im übrigen ein Terminus, der für soziale Verantwortungslosigkeit steht. Er wird immer dann in die Arena geworfen, wenn politische Zusammenhänge oder solidarisches Denken vernebelt und ausgeblendet werden sollen.)
Zugutehalten muss man dem Karrikatur-Banner, dass es mit Farbe und einer gewissen Lust dem Charakter der ganzen Demonstration entsprach (die nirgendwo nur aus Polit-Parolen bestand). - Ich erinnere noch die schräge (fast irre) Bekundung eines DDR-Eingesperrten: "Die Heimat hat sich schön gemacht."

B)
Die Zeitschrift Bildende Kunst, herausgegeben vom VBK der DDR, veröffentlichte in den Jahrgängen der späten 80er Jahre zunehmend ungehemmt die verbandsinternen Diskussionen zur Kulturpolitik.
Am Schluss gingen die Diskussionen in offene Gehässigkeiten zwischen Verbandsmitgliedern über: warum dem einen eine Reise in den Westen bewilligt und dem anderen verwehrt wurde.
Diese Fragestellung auf die gesamte Bevölkerung anzuwenden, kam der Elite nicht in den Sinn. (Von einem historisch verantwortungsvollen Horizont würde ich da nicht sprechen wollen.)
Der in der Zeitschrift Bildende Kunst über Jahrzehnte vorgetragene Anspruch einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortlichkeit der DDR-Kunst entlarvte sich endlich als Heuchelei. Es ging nie um Anderes, als die Wahrung und Mehrung von Privilegien der Staatskünstler.

Das ist jetzt, 20 Jahre danach, Geschichte. - Die Staatskünstler hatten sich selbst 'hinfort'-demonstriert. (Natürlich nur zum Teil. Die glattesten Seilschaften halten sich bis heute als Professoren.)

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Ein Jahr vor den Ereignissen im November 89 fand ich mein Denken über Kunst und Kultur im Osten äusserst bestärkt durch einen Kinofilm:
Mein Freund Iwan Lapschin, Regie Alexei German, UdSSR, 1984.
Aufgeführt wurde der Film unter anderem im Babylon in Berlin (Inhalt: die Miliz, eine Theatertruppe und Journalisten im Kampf mit kriminellen Banden, Dieben und Mördern).

Die schreiende Diskrepanz zwischen der Ohnmacht einfacher Menschen und der (fast verhöhnenden) Darstellung ihrer Not durch Vertreter des staatlichen Kulturbetriebs (die Theatertruppe in der Filmhandlung) - das hat mich bewegt wie in keinem zweiten Film.

Nov. 2009



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