Die Stellschrauben unserer Meinung

Eine Medienkritik am Beispiel der TV-Doku  Schlachtfeld Internet
(TV-Doku von Svea Eckert, Alexandra Ringling und James Bamford)

Inhalt

Zusammenfassung:
Die NDR-Dokumentation Schlachtfeld Internet   [1] ist ihrem Auftrag zu einer Verschiebung der öffentlichen politischen Meinung in Deutschland gerecht geworden. Sie sollte keinen zwingenden Anlass zu einer Grundsatzrede zur Außenpolitik liefern, aber sie zeigt jedem, der hinschaut, an, daß Politik, Presse und deren Kontrolle neu justiert sind.
Die Doku zeigt ungewollt das Wesen von Politik: die öffentliche Meinung zum Eigentum einiger weniger zu machen ("Meinungshoheit"), um so die Absichten dieser wenigen (gerichtet gegen diese Öffentlichkeit) zu rechtfertigen oder zu verschleiern. (Die Absicht in diesem Fall ist die Kontrolle über das Internet).
Meine Kritik ausgewählter Merkmale der Dokumentation 'Schlachtfeld Internet'. [6]

TV-Positions-Movie statt Grundsatzrede zur Außenpolitik

Die Dokumentation 'Schlachtfeld Internet' behauptet, Deutschland sei umzingelt und nennt eine Adresse in der Politik: "die USA und ihre Verbündeten".
Die Adresse ist neu. Die Formel "die USA und ihre Verbündeten"  (in Unter- scheidung zu Deutschland) habe ich in der offiziellen deutschen Außenpolitik noch nicht gehört.

Es ist wohlkalkuliert, was ein Sender des Rundfunkstaatsvertrags produziert, besonders wenn es um die existenziell zentrale Frage der Beziehungen zu den USA geht. Im Fall dieser Dokumentation würde ich von einem Versuchsballon sprechen.

Der bisher eher demutsvolle Charakter ausgeübter deutscher Eigenstaatlichkeit ("Jetzt reicht's ja wohl wirklich auch einmal!") [2] passt nicht mehr gut zum neuen Verhältnis zu den USA:  Wettbewerber, nicht Verbündeter zu sein.
- Partner schon noch, aber mit dauernder Gelegenheit zu "So etwas tut man nicht unter Freunden." - Eine Entlassung in die (mentale) Souveränität.

Ein Tendenzfilm  ( Propaganda ist nichts Verwerfliches.. )

(..obwohl.. wenn sich Staatspropaganda auf Edward Snowden beruft, ist es das wohl doch.)  Formal hat die Doku ihre Verwandtschaft im kalten Krieg. – Anderswo schätzt man bei Netz-Aktivisten Filme, in denen ein international solidarischer Geist weht, Filme, die in der Regie Persönlichkeit und stilistischen/ politischen Vorwärtswillen spüren lassen. [7] - Das kann man nicht erwarten bei einer Produktion, bei der die Macher (vom NDR) Verlautbarungsbedienstete sind und bei der die Betrachter weder hinterfragen, von wem (mit welchem Motiv) eine Doku produziert wird, noch, an wen sie sich eigentlich wendet. [3]  (Ich mach TV  /  Ich glotz TV. - So läuft das.)
Esprit, ein aufbegehrender Geist, kommt so nicht vor.  (Rundfunkrat eben.)

Horchgeraet

Regieanweisung :  martialisch!

Die Anweisung 'martialisch!' kann eine Stärke und eine Schwäche der Doku sein - (ästhetisch sowieso) ich meine im politischen Anspruch. Snowdens Motivation ist es, den Missbrauch des Netzes als Waffe aufzudecken. Der martialische Tonfall in der deutschen Interpretation soll das befördern, widerspricht aber Snowden's entmilitarisierendem Anliegen. - Eine heikle Gratwanderung, die stilistisch nicht plausibel ist.  [5]
In Diskrepanz zum O-Ton der Interviews hat der Off-Kommentar schlicht eine demagogische Wirkung.
"Digitales Einmarschieren" .. "Feldzug" .. "Krieg" .. "umzingelt" .. "Deutschland als Hauptschauplatz" .. "Erstschlag" .. "digitaler Truppenaufmarsch" usw.
Es soll betroffen machen und anklagen, solche Begriffe benutzen zu müssen und hören zu müssen. Es ist aber vor allem die Sprache des hässlichen Deutschen. (Während der Sendung war meine Erwartung:  Gleich kommt's "Ich kenne keine Parteien mehr..")

Ob das verstanden wird, ist fraglich, international jedenfalls. In der heutigen Welt weiss jeder Konsument von Medieninhalten: Wer mit Worten wie 'Krieg' herumpoltert (noch dazu aus der Position der Schwäche), ist der Böse. Wer aber die genannten Attacken einfach ausführt und sie in Hollywood auch noch cool aussehen lässt, ist der Gute.
Natürlich ist das kein Vorbild. Menschlicher als 'die Guten' und 'die Bösen' wäre ein gemeinsames Internet, das man mit Witz und Charme verteidigt.  [4]

Edward Snowden sollte sich distanzieren

Für die Macher der Doku ist die polemische Fokussierung auf die Situation Deutschlands das Anliegen. Für E. Snowden ist sie es nicht, er ist sachlich.
Snowden's Idee ist das freie und sichere Internet der Bürger. Mit seinen Informationen arbeitet er für die internationale Öffentlichkeit, die Weltgemeinschaft, nicht für Interessen einzelner Staaten.

Wenn Snowden Dokumente zu konkreten Vorgängen an die Presse gibt, setzt er dabei eine freie Presse voraus (auch wenn er weiss, daß systemkonforme Gleichschaltung allgegenwärtig ist). - Wie dem auch sei, beim NDR ist freie Berichterstattung vertraglich mit Staatsinteressen verquickt.
Die Produzenten der Doku scheuen sich nicht, Snowden billigend in eine Lage zu bringen, als würde er direkt ausländischen staatlichen Stellen zuarbeiten (die vor einem US Gericht bei Bedarf als Enemy bezeichnet werden würden).

Nachtrag 2016-06-10: Auf Maaßen's Attacke reagiert Edward Snowden mit einem Augenzwinkern. Sarkastischer ist Markus Beckedahl's Kommentar:

"Wir sind umzingelt"

Tragisch, Deutschland ist in der Selbstwahrnehmung wieder dort angekommen, wo es schon einmal stand (wenn man der Vorkriegs-Reichspresse glauben darf). Wir sind umzingelt, so die Botschaft an den Bürger, vor allem an sein Unterbewusstsein. – Die Web-Kommentare zur Doku (und viele andere Kommentare zu Geheimdienstaktivitäten im Netz) sind angefüllt mit der Überzeugung "Wir sind die Guten". - Sobald eine Konkurrenzsituation zwischen Staaten debattiert wird, gibt es flächendeckende Identifikation mit dem Staat.

Mich erschreckt das (und es ist das Gegenteil dessen, was Snowden's Idealismus bestärken würde). Jeder sollte sich fragen, ob Deutschland einen E. Snowden hätte hervorbringen können. Ob WikiLeaks mit deutscher Mentalität hätte entstehen können. Oder ob in Deutschland die Geheimdienste brisante 'Interna' per Parlamentsbeschluss veröffentlichen müssten, wie nicht selten in den USA.
Die Gegner eines überwachungsfreien Netzes inszenieren digitale Konkurrenz- situationen wie oben genannt. Snowden spricht sogar von einer möglichen Zerstörung des Internets. Die NDR-Doku befördert letztlich mit ihrem dramatischen Grundtenor die digitale Aufrüstung und die Teilung des Netzes. "Wir sind umzingelt." - Käme das nicht vom Rundfunkrat, es wäre Volksverhetzung.

* * *

"Schlachtfeld Internet", im Ganzen eher eine latent nationalistische Pseudo-Dokumentation, hat wichtige Interview-Passagen in die Öffentlichkeit gebracht - ein Verdienst.
"Wer jetzt wegschaut, setzt den Frieden auf's Spiel. Es ist Zeit, das Internet zurückzuerobern."  Die zwei Schlusssätze sind der Schlüssel zum Verständnis des Zwecks und Wesens dieser Dokumentation.
  Der Frieden, der nicht auf's Spiel gesetzt werden sollte, ist der Frieden zwischen Staaten  (das Thema der Doku sind staatliche Attacken im Netz).
Der erste Schlusssatz ist also ein staatsbezogenes Statement (von einem Staat formuliert oder an einen Staat gerichtet), ein Appell (mit einer bedrohlichen Andeutung), Partei zu ergreifen gegen die Aggressionspläne und Praktiken der NSA.
  Das Internet, das zurückzuerobern ist, ist das Internet der Bürgers - mit gesicherter Privatheit, frei von Blockaden durch Zensur und frei von der Androhung staatlicher Attacken.
Der zweite Schlusssatz ist also ein staatausschliessendes Statement, ein Appell, den überwachenden, manipulierenden und attackierenden Staat aus dem Internet zurückzudrängen. 

Die Konzepte hinter den beiden Sätzen stammen aus verschiedenen Welten. Zusammen ergeben die beiden Statements keinen Sinn. Sie sind Geschwätz.
Soll hier ein Staat das Internet zurückerobern?  Oder geben sich umgekehrt Bedienstete den Anschein, als seien sie eine internationale Bewegung freier Bürger, die das Netz zurückerobert?
Aus dem selbstauferlegten Charakter des NDR (staatlich und nichtstaatlich zu sein) erklärt sich, was die Dokumentation "Schlachtfeld Internet" ist:  gut gemeinte Demagogie.

Ein nachträgliches, radikaleres Fazit nachdem die Doku Schlachtfeld Internet über das ganze Jahr mehr als ein dutzend mal auf verschiedenen Kanälen gesendet wurde:

Die NDR-Doku Schlachtfeld Internet: Schamloses und anhaltendes öffentliches Weinen eines Staates, der sich prostituiert hat, über die Erkenntnis gefxxxt zu sein.
— Was hilft dagegen, Herr De Maizière?
(Nein, nicht Entzug der Stricher-Lizenz.)
Zunge ins Ohr und "Lullaby" !

Kurz-URL:  ow.ly/Cnc0307i6E7

[1]  Web links  - zur Doku "Schlachtfeld Internet":

[2]  Eine salbadrige, unterwürfige Umschreibung für "Es reicht !".
Im Zusammenhang mit dem Gauck-Zitat ist im Übrigen die Behauptung von Bundesinnenmister De Maizière zum Spionagefall beim BND vom 06.07.2014 "Die USA müssen jetzt reagieren" eine Irreführung der deutschen Bevölkerung. Die USA müssen nicht reagieren und haben nicht reagiert. De Maizière wollte damit über die Tatsache hinwegtäuschen, daß er selbst es ist, der die innere Eigenständigkeit und Unverletzlichkeit Deutschlands zu sichern hat.

[3]  Als mögliche Absicht der Dokumentation (mit dazugehöriger Zielgruppe) fallen mir ein:

Für keinen der Kandidaten ist die Dokumentation wirklich passend produziert.
Für alle zusammen schon gar nicht. – Der letzte Punkt wäre plausibel und am sympathischsten, schliesst sich aber aus, da es nicht Snowden's Intention ist, deutsche Staatspropaganda zu betreiben oder schrägen "Wir-sind-umzingelt"-Nationalismus zu bedienen.

Aber das Rätsel löst sich von selbst:  es ist halt  Öffentlich-Rechtlich.
Aufklärung und Freiheitswille leben im Idealismus Einzelner. - Was von einer Anstalt daraus gemacht wird, ist banale Verlautbarung von Interessen.
Neu ist allerdings, wie aggressiv diese auch das Unterbewusstsein im Visier hat.
(In dem Zusamenhang fällt ein Phänomen auf: der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk wird vom Bürger kritischer beobachtet als der privatwirtschaftliche. Bei den US-kontrollierten Kanälen in Deutschland akzeptiert der TV-Konsument eher, was ihn erwartet: kübelweise Desinformation und Manipulation des Wertesystems. Er hakt es ab und amüsiert sich.)

[4]  Die Sozialpsychologie hat zwar bewiesen, daß Angst am schnellsten mobilisiert. – Die Frage ist aber: zu was würde Angst mobilisieren?

[5]  Korrektur  2015 -01-19 und  2015 -01-23
Meinen Artikel habe ich nach Veröffentlichung geändert. In der ersten Fassung hatte ich den scharfmacherischen Tonfall der Doku-Sprecherin abgelehnt (verschiedene www-Kommentare reagierten ebenso).
– Anders meine Reaktion bei nochmaligem Hören:  Faszination eines gruseligen Flashback verbunden mit dem nostalgischen Gedanken "Früher war alles besser, sogar die Hetze!"
Der Grusel hat kulturelle Attraktivität, wenn man den Tonfall als bewusstes Zitat eines belasteten Stilmittels auffasst.
Gäbe es an einer Stelle der Doku einen historischen Verweis zum absichtlichen/ zitierenden Sprachgebrauch, wäre der Streifen gerettet  (es muss ja nicht gleich Freisler oder ein Ausschnitt aus "Der Schwarze Kanal" über die USA sein).

Man könnte aber auch anders über die Doku urteilen (nicht mit Analyse im Detail, sondern generell und weltanschaulich):
Die US-verhuschten deutschten Staatspolitiker, die seit vielen Jahren selbst für alle erdenklichen Backdoors in der deutschen IT sorgen, wollten (nach dem Trauma, nur benutzt zu sein) doch einmal (unerkannt und aus der zweiten Reihe) rufen:  "Da, der Buhmann! "
Diese Politiker stören sich gewiss nicht an der verletzten Souveränität Deutschlands (dann wäre die Doku ggf. 2010 entstanden) – sie stören sich an der Verletzung des eigenen Ego!

Anstelle der Befriedigung, Herren zu sein über die Privatheit oder Überwachung anderer, müssen sie die Demütigung erleben, selbst Objekt der Manipulation und Überwachung durch andere (die NSA) zu sein.
Das wäre eigentlich lehrreich, aber die deutschen Verantwortlichen sehen das so:  Snowden's Anliegen? Sprachstil der Doku? Das Internet des freien Bürgers? – Komm uns nicht mit solchem Scheiß. – Wichtig ist uns nur eine Klarstellung: Wir sind nicht die FUZZIS in diesem Geschäft!
(Bereits ein halbes Jahr vor der Doku war scheinheilig Empörung zur Schau gestellt worden: in einer (in großen Teilen verantwortungslos fomulierten) Kampfschrift von S. Leutheusser-Schnarrenberger. — Empörung nicht etwa, weil es skandalös wäre, Daten und Rechte deutscher Bürger an die USA zu verhökern, sondern weil die USA den deutschen Politikern diese "Kooperation" mit Undank lohnen. Die fühlten sich von den USA persönlich "lächerlich gemacht".)

[6]  Das Thema meiner Kritik ist nicht Cyberwarfare (Technologie und Bedrohung), sondern Ideologie, Absicht und die Mechanismen zur Erlangung von Meinungshoheit.
Von einer öffentlichen Wirksamkeit ist mein Artikel mit Sicherheit (mit Staats'sicherheit) ausgeschlossen (wie der eines jeden anderen mit einer ähnlichen Aussage). Der größte Nutzen meines Artikels könnte sein, daß er von staatlichen Stellen ausgewertet wird (falls er das Relevanz-Level erreicht) – um die Stellschrauben unser aller Meinung noch gängiger zu machen.

[7]  Citizenfour, eine Dokumentation über Edward J. Snowden von Laura Poitras. Gewinner des Academy Award for Best Documentary Feature bei der Oscar-Verleihung 2015.