Das Denken existiert nicht..

..die Synapse existiert. – Ein neuer erkenntnistheoretischer Ansatz. Meine Kritik zum 'Manifest der Neurowissenschaftler'  [1]  [4]

Inhalt

Zusammenfassung:
Das Existenzielle ('Sein oder Nichtsein'), die Existenz, ist gekoppelt an das Denken (Cogito ergo sum). Zu behaupten (wie es jetzt Neurowissenschaftler in einem Manifest [1] tun), das Denken habe keine Existenz über seine physischen Vorgänge hinaus, wäre gleichbedeutend mit dem Satz:
Die Existenz existiert nicht.
Semantisch ist das Unsinn - dennoch würde ich es in einem anderen  –philosophischen–  Zusammenhang für eine attraktive These halten. – Im Kontext der konkreten Erforschung des Denkens allerdings kann man nur schlussfolgern, daß diese Neurowissenschaftler im frühen Mittelalter leben:  sie haben keine Ahnung, was der Gegenstand ihrer Bemühungen eigentlich ist.

Ein Zitat aus 'Das Manifest' :

Geist und Bewusstsein .. fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht. .. Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.

Der zitierte Text bekundet leider die Unfähigkeit, zwischen biologischer Evolution und Entwicklung der Erkenntnisfähigkeit des Menschen  –des Denkens–  zu unterscheiden.
Er wirft daher zur behaupteten erkenntnistheoretischen Omnipotenz der Neurowissenschaft die folgende Frage auf:
Wenn diese Unfähigkeit deren wichtigste Leistung sein soll (siehe Zitat), wie ernst sollten dann die weiteren philosophischen Auslassungen der Neurowissenschaftler genommen werden? — Eine Arbeit, die erkenntnis- theoretische Themenstellungen so völlig verfehlt, wie dieses Manifest, ist nicht geeignet, nach Maßstäben der Erkenntnistheorie begutachtet zu werden.

Ergänzung 2016-07:  Aus heutiger Sicht (zwölf Jahre nach Veröffentlichung) spreche ich meine Anerkennung aus. – Das Manifest war wohl vor allem eine (als solche konzipierte) Provokation und eine (gut gelungene) Beleidigung des Geistigen – ein Seitenhieb auf die Geisteswissenschaft, von der sich die Neurowissenschaftler ausgegrenzt fühlen (und zu Recht ausgegrenzt sind).

Qualitatives ist nicht zu messen, sondern zu denken

Ein wesentliches Element wissenschaftlicher und theoretischer Arbeit geht den Verfassern des Manifestes unverständlicherweise völlig ab:  die Vorstellung von dem, was den Begriff der Qualität (der Eigenschaft als solche) ausmacht und vor allem was qualitative Sprünge sind.

Eine höhere Qualität, das Ganze, ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. – Wenn die Verfasser von diesem Prinzip hören, werden sie wohl versuchen, Qualität als rot markierte "Höhere-Qualitäts-Teilchen" im bildgebenden Verfahren sichtbar zu machen...

Es wird die Verfasser schockieren, aber Qualität als solche ist, wie jedes Abstraktum, nicht sichtbar zu machen, sondern zu denken!
Der noch größere Schock für die Verfasser aber wird sein:  Das Ideelle ist das Existierende selbst, es ist das Universum, das "Material" der Welt. Das Universum ist ein Wirbel mathematischer Gesetze, Wahrscheinlichkeiten etc. – ideeller Komponenten eben. [5]

Das Denken gibt es nicht ohne Synapsen. Aber das Denken ist auch nicht einfach nur und sinnentleert Synapsenschluss. Das Denken ist da – in höherer Qualität, als Abstraktum und als Abstrahierendes.
Wenn die elf Neurowissenschaftler der Meinung sind, daß Sinn an sich, als Abstraktum, nicht existent sei, dann ist deren Manifest nichts weiter als Druckerschwärze auf Papier – und als Analysierbares nicht vorhanden und nicht zu besprechen.

Naturgesetzlichkeit  vs.
Denken der Naturgesetzlichkeit

Was ist der Zusammenhang (Zusammenfall) von Naturgesetzlichkeit und denkendem Erfassen der Naturgesetzlichkeit? Diese zentrale Frage hat das Elfer-Manifest nicht einmal ansatzweise verstanden.
Die Quantenphysik hat längst gezeigt, daß sich "Materie" bei genauem Erforschen rückstandslos auflöst in relationale Verhältnisse, in Gesetze, in mathematische Wahrscheinlichkeiten – eben in Ideelles.

Die triviale Sicht (und dazu muss man nach dem Vorfall des Manifestes leider auch die Sicht der Neurowissenschaften zählen) geht davon aus, daß das Ideelle (also Begriffe, Gesetze, der Sinn, der in einer Sprache vermittelt wird etc.) nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation existiert, quasi frei schwebend, eigentlich nicht wirklich und jedenfalls nicht das Wesen der Welt ist.

Das ist eine Jahrhunderte alte Streitfrage: ob Naturgesetze (als etwas Ideelles) nicht existieren, wenn der erkennende Geist nicht da ist – ob also Elektronen nicht mehr um Protonen kreisen, Planeten nicht mehr von der Sonne in der Bahn gehalten werden, wenn nichts da ist, was dies so wahrnimmt/ versteht.

Die Antwort darauf mag jeder mit sich selbst ausmachen – aber daß das Existierende (die "Materie"), unabhängig von der Antwort, durch und durch ideell ist, ist zwingend.
Die Naturgesetzmäßigkeit (das Ideelle) ist die Welt.
Bei dieser Fragestellung gibt es nichts zu sehen im "ultimativen Tomogramm", keine ultimative "Atom"-Synapse, nichts.

Hirnforschung ist keine Geisteswissenschaft

Ich möchte gegenüber den "elf führenden Neurowissenschaftlern" (Zitat) keinesfalls die bahnbrechende Bedeutung z.B. der Verortung kognitiver Leistungen im Gehirn in Abrede stellen. — Mit ihrem Manifest sind diese aber in der Erkenntnistheorie und bei der "Veränderung des Menschenbildes" (Zitat) fehl am Platz.

Ein bescheidenerer Absatz des Manifestes gibt als Zielstellung der Neurowissenschaften an, ein "Verfahren" zur "Registrierung" der neuronalen "Mechanismen" zu finden. – Das Mechanische und Reduktionistische in diesem Vokabular passt schon eher zur realen Praxis dieser Wissenschaft.
Dennoch bleibt es absurd, wie anscheinend eine ganze Zunft es ablehnt, bei einer geistigen  Fragestellung (über das Vertrauen auf technische Apparaturen hinaus) auch geistig  aktiv zu werden.

"Wie entstehen Bewusstsein und Ich-Erleben, wie ... emotionales Handeln?" (Zitat) Diese Fragen als "grosse Fragen der Neurowissenschaften" (Zitat) zu deklarieren (und nicht etwa als Fragestellung auch anderer Disziplinen), ist Dünkel und die Glaubwürdigkeit einer Antwort nach dem Elfer-Manifest verwirkt. [3]

[1]  Das Manifest. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. In: Gehirn und Geist 6/2004, S. 30-37, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Heidelberg

[2]  alternativer Link zum 'Manifest' (archive): Link ist nicht öffentlich.

[3]  "verwirkt"  :D

[4]  2016-07 habe ich diesen Artikel mit einem neuem CSS-Layout versehen. Dabei habe ich die einleitende Zusammenfassung hinzugefügt sowie den Text klarer gegliedert. Die Nachträge sind datiert. – Ansonsten ist dies der Artikel von 2004.

[5]  Ergänzung 2016-07:  Beides, Geist und Materie, als 'ideell' zu definieren, löst natürlich das Problem nicht. – Das Problem wird damit nur verlagert auf die Frage "In welchem Fall übt eine Naturgesetzlichkeit praktische ('physische') Gewalt aus, wann ist sie also konkret und wann nur potenziell (eine Reflexion)?"
Ich habe versucht, eine Antwort zu geben im Aufsatz "Das Universum als Manifestation eines Sinns", 2014-05, PDF.

Nachtrag 2010-12:  Die Formulierung, meine Kritik träfe auf 'die ganze Zunft' der Neurowissenschaften zu, ziehe ich zurück. Es gibt aus deren Reihen auch realistische Einschätzungen des Verhältnisses Hirnforschung/ Bewusstseinsforschung:
Train Your Brain!, Stephan Schleim, Telepolis, Heise Zeitschriften Verlag, 2010

Nachtrag 2014-02:  Auch zehn Jahre nach "Das Manifest" scheinen den Verfassern die damaligen abwegigen Anmaßungen in keiner Weise peinlich zu sein. "Mich wundert, wie zahm wir waren" (PDF, www.gehirn-und-geist.de)

Nachtrag 2014-03:  Der Psychologe Stephan Schleim hält Aussagen des 'Manifest der Hirnforschung' für eine unseriöse Attitüde. Zu viel versprochen (www.gehirn-und-geist.de)

Nachtrag 2016-04:  Der Versuch, die Welt auf Materialität zu reduzieren ("Welt" ist ein Begriff, etwas Ideeles), hält an:  The Rise of Human Consciousness. NYC  mit Pressebericht zum Symposium.

Nachtrag 2016-08:  Alexander Kluge spricht mit Prof. Dr. David Poeppel: Der Abgrund zwischen Hirn und Welt

Nachtrag 2016-09:  Comments on "Consciousness isn’t a mystery, tt’s matter" (NYTimes.com)