Das Denken existiert nicht..

... die Synapse existiert. – Ein neuer erkenntnis­theore­tischer Ansatz. Meine Kritik zum 'Manifest der Neuro­wissen­schaftler'  [1]  [4]

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Inhalt

Zusammenfassung:
Das Existenzielle ('Sein oder Nichtsein'), die Existenz, ist gekoppelt an das Denken (Cogito ergo sum). Zu behaupten (wie es Neuro­wissen­schaftler in einem Manifest von 2004 [1] tun), das Denken habe keine Existenz (über seine physi­schen Vorgänge hinaus), wäre gleichbe­deutend mit dem Satz:
Die Existenz existiert nicht.
Semantisch ist das Unsinn - dennoch würde ich es in einem anderen  –philoso­phischen–  Zusammen­hang für eine attraktive These halten. – Im Kontext der konkreten Erforschung des Denkens allerdings kann man nur schluss­folgern, daß diese Neuro­wissen­schaftler geistig im frühen Mittel­alter stehen:  sie haben keine Ahnung, was der Gegen­stand ihrer Alchemie eigentlich ist.

Ein Zitat aus 'Das Manifest' :

Geist und Bewusstsein .. fügen sich also in das Natur­geschehen ein und über­steigen es nicht. .. Geist und Bewusst­sein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nerven­systeme allmählich herausge­bildet. Das ist vielleicht die wich­tigste Erkenntnis der modernen Neuro­wissen­schaften.

Der zitierte Text bekundet leider die Unfähigkeit, zwischen biolo­gischer Evolution und Entwick­lung der Erkenntnisfähigkeit des Menschen  –des Denkens–  zu unter­scheiden.
Er wirft daher zur behaupteten erkenntnis­theore­tischen Omni­potenz der Neurowissenschaft die folgende Frage auf:
Wenn diese Unfähigkeit deren wichtigste Leistung sein soll (siehe Zitat), wie ernst sollten dann die weiteren philoso­phischen Auslas­sungen der Neuro­wissen­schaftler genommen werden? — Eine Arbeit, die erkenntnis­theoretische Themen­stellungen so völlig verfehlt, wie dieses Manifest, ist nicht geeignet, nach Maßstä­ben der Erkenntnis­theorie begutachtet zu werden.

Ergänzung 2016-07:  Aus heutiger Sicht (zwölf Jahre nach Veröffentlichung) spreche ich meine Anerken­nung aus. – Das Manifest war wohl vor allem eine (als solche konzi­pierte) Provo­kation und eine (gut gelungene) Belei­digung des Geistigen – ein Seiten­hieb auf die Geistes­wissen­schaft, von der sich die Neuro­wissen­schaftler ausgegrenzt fühlen (und zu Recht ausge­grenzt sind).

Qualitatives ist nicht zu messen, sondern zu denken

Ein wesentliches Element wissenschaft­licher und theore­tischer Arbeit geht den Verfas­sern des Manifestes unver­ständ­licher­weise völlig ab:  die Vorstel­lung von dem, was den Begriff der Qualität (der Eigen­schaft als solche) ausmacht und vor allem was quali­tative Sprünge sind.

Eine höhere Qualität, das Ganze, ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. – Wenn die Verfasser von diesem Prinzip hören, werden sie wohl versuchen, Qualität als rot markierte "Höhere-Qualitäts-Teilchen" im bildgebenden Verfahren sichtbar zu machen...

Es wird die Verfasser schockieren, aber Qualität als solche ist, wie jedes Abstraktum, nicht sichtbar zu machen, sondern zu denken!
Der noch größere Schock für die Verfasser aber wird sein:  Das Ideelle ist das Existierende selbst, es ist das Universum, das "Material" der Welt. Das Universum ist ein Wirbel mathematischer Gesetze, Wahrscheinlichkeiten etc. – ideeller Komponenten eben. [5]

Das Denken gibt es nicht ohne Synapsen. Aber das Denken ist auch nicht einfach nur und sinnentleert Synapsenschluss. Das Denken ist da – in höherer Qualität, als Abstraktum und als Abstrahierendes.
Wenn die elf Neurowissenschaftler der Meinung sind, daß Sinn an sich, als Abstraktum, nicht existent sei, dann ist deren Manifest nichts weiter als Drucker­schwärze auf Papier – und als Analysier­bares nicht vorhanden und nicht zu besprechen.

Naturgesetzlichkeit  vs.
Denken der Naturgesetzlichkeit

Was ist der Zusammenhang (Zusammenfall) von Natur­gesetz­lichkeit und denkendem Erfassen der Natur­gesetz­lichkeit? Diese zentrale Frage hat das Elfer-Manifest nicht einmal ansatz­weise verstanden.
Die Quantenphysik hat längst gezeigt, daß sich "Materie" bei genauem Erforschen rückstandslos auflöst in relatio­nale Verhält­nisse, in Gesetze, in mathema­tische Wahr­scheinlich­keiten – eben in Ideelles.

Die triviale Sicht (und dazu muss man nach dem Vorfall des Manifestes leider auch die Sicht der Neuro­wissen­schaften zählen) geht davon aus, daß das Ideelle (also Begriffe, Gesetze, der Sinn, der in einer Sprache vermittelt wird etc.) nur in der zwischen­mensch­lichen Kommuni­kation existiert, quasi frei schwebend, eigent­lich nicht wirklich und jedenfalls nicht das Wesen der Welt ist.

Das ist eine Jahrhunderte alte Streitfrage: ob Natur­gesetze (als etwas Ideelles) nicht existieren, wenn der erken­nende Geist nicht da ist – ob also Elek­tronen nicht mehr um Protonen schrirren, Planeten nicht mehr von der Sonne in der Bahn gehalten werden, wenn nichts da ist, was dies so wahrnimmt/ versteht.

Die Antwort darauf mag jeder mit sich selbst ausmachen – aber daß das Existierende (die "Materie"), unabhängig von der Antwort, durch und durch ideell ist, ist zwingend.
Die Naturgesetzmäßigkeit (das Ideelle) ist die Welt.
Bei dieser Fragestellung gibt es nichts zu sehen im "ultimativen Tomo­gramm", keine ultimative "Atom"-Synapse, nichts.

Hirnforschung ist keine Geisteswissenschaft

Ich möchte gegenüber den "elf führenden Neuro­wissen­schaftlern" (Zitat) keinesfalls die bahn­brechende Bedeutung z.B. der Verortung kognitiver Leistungen im Gehirn in Abrede stellen. — Mit ihrem Manifest sind diese aber in der Erkenntnis­theorie und bei der "Veränderung des Menschen­bildes" (Zitat) fehl am Platz.

Ein bescheidenerer Absatz des Manifestes gibt als Zielstellung der Neuro­wissen­schaften an, ein "Verfahren" zur "Registrierung" der neuronalen "Mechanismen" zu finden. – Das Mecha­nische und Reduktio­nistische in diesem Vokabu­lar passt schon eher zur realen Praxis dieser Wissen­schaft.
Dennoch bleibt es absurd, wie anschei­nend eine ganze Zunft es ablehnt, bei einer geistigen  Frage­stellung (über das Vertrauen auf techni­sche Appara­turen hinaus) auch geistig  aktiv zu werden.

"Wie entstehen Bewusstsein und Ich-Erleben, wie ... emotio­nales Handeln?" (Zitat)
Diese Fragen als "grosse Fragen der Neuro­wissen­schaften" (Zitat) zu dekla­rieren (und nicht etwa als Frage­stellung auch anderer Diszi­plinen), ist Dünkel und die Glaub­würdigkeit einer Antwort nach dem Elfer-Manifest verwirkt. [3]

[1]  Das Manifest. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegen­wart und Zukunft der Hirn­forschung. In: Gehirn und Geist 6/2004, S. 30-37, Spektrum der Wissenschaft Verlags­gesellschaft mbH, Heidelberg

[2]  alternativer Link zum 'Manifest' (archive): Link ist nicht öffentlich.

[3]  "verwirkt"  :D

[4]  2016-07 habe ich diesen Artikel mit einem neuem CSS-Layout versehen. Dabei habe ich die einlei­tende Zusammen­fassung hinzu­gefügt sowie den Text klarer gegliedert. Die Nachträge sind datiert. – Ansonsten ist dies der Artikel von 2004.

[5]  Ergänzung 2016-07:  Beides, Geist und Materie, als 'ideell' zu defi­nieren, löst natür­lich das Problem nicht. – Das Problem wird damit nur verlagert auf die Frage "In welchem Fall übt eine Natur­gesetz­lichkeit praktische ('physische') Gewalt aus, wann ist sie also konkret und wann nur potenziell (eine Reflexion)?"
Ich habe versucht, eine Antwort zu geben im Aufsatz ›› "Das Universum als Manifestation eines Sinns", 2014-05, PDF.

Nachtrag 2010-12:  Die Formulierung, meine Kritik träfe auf 'die ganze Zunft' der Neuro­wissen­schaften zu, ziehe ich zurück. Es gibt aus deren Reihen auch realis­tische Einschät­zungen des Verhält­nisses Hirn­forschung/ Bewusstseins­forschung:
Train Your Brain!, Stephan Schleim, Telepolis, Heise Zeitschriften Verlag, 2010

Nachtrag 2014-02:  Auch zehn Jahre nach "Das Manifest" scheinen den Verfassern die damaligen abwegigen Anmaßungen in keiner Weise peinlich zu sein. "Mich wundert, wie zahm wir waren" (PDF, www.gehirn-und-geist.de)

Nachtrag 2014-03:  Der Psychologe Stephan Schleim hält Aussagen des 'Manifest der Hirn­forschung' für eine unseriöse Attitüde. Zu viel versprochen (www.gehirn-und-geist.de)

Nachtrag 2016-04:  Der Versuch, die Welt auf Materialität zu reduzieren ("Welt" ist ein Begriff, etwas Ideeles), hält an:  The Rise of Human Consciousness. NYC  mit Pressebericht zum Symposium.

Nachtrag 2016-08:  Alexander Kluge spricht mit Prof. Dr. David Poeppel: Der Abgrund zwischen Hirn und Welt.
2008 hatte sich Prof. Thomas Fuchs in seinem Buch "Das Gehirn - ein Beziehungs­organ" gegen das neuro­wissen­schaftliche Projekt der "Naturali­sierung des Geistes" gewandt.

Nachtrag 2016-09:  Comments on "Consciousness isn’t a mystery, it’s matter" (NYTimes.com)