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Semesterprojekte

Themenarchiv der Projekt- und Diplomarbeiten

Semester:
Sommersemester

Student:
Gourinovitch, Oxana

Studienphase:
Seminar / Workshop

Professor / Lehrbeauftr.:
Prof. Eilfried Huth

Assistent / Wissensch. Mitarb.:
Jesko Fezer

Themengebiet:
Kultur/ Medien/ Kommunikation

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  • 2001. Studenten:
    Gourinovitch, Oxana
  • Seminar / Workshop
  • Prof. Eilfried Huth
  • Kultur/ Medien/ Kommunikation

team 10 – life falls through the net of the four functions

Ein Workshop zu einem architekturgeschichtlichen Phänomen

HOUSING THE STREET.
– halbstarker Urbanismus bei 'team 10' ab 1953

Das Seminar untersucht die jüngere Architekturgeschichte über das euphorische Ende des CIAM und die moderne Kritik des Modernismus durch Strukturalisten und humanistische Rebellen.
Die Dokumentationen des Workshop umfassen folgende Seiten:

Strukturalismus: Der Einfluss von Roland Barthes

Geboren am 12. November 1915, verliert Roland Barthes – ähnlich wie Sartre übrigens – gleich im Jahr darauf den Vater. "Es sei denn (...) ein Zuhause ohne soziale Verankerung - keinen Vater, der zu töten, keine Familie, die zu hassen, keine Umwelt, die zu verwerfen wäre: eine große ödipale Frustrierung"
Seine Kindheit verbringt Roland Barthes in Bayonne. 1924 folgt der Umzug nach Paris.
"Ich war glücklich, weil ich von Liebe umgeben war und auf dieser wichtigen Ebene sozusagen verwöhnt worden bin; zugleich hatte ich aber auch eine schwierige Kindheit und Jugend (...) Ich wurde, ehrlich gesagt, von meiner Mutter in materiell, und finanziell recht schwierigen Verhältnissen großgezogen. Dies hat meine Kindheit natürlich auch geprägt (...) Als ich ein Kind, ein Heranwachsender war, hatte ich eigentlich gar kein Millieu, da ich ausschließlich mit meiner Mutter verbunden war; meine Mutter war mein Zuhause, und ich hatte kein soziales Milieu (...) und da ich kein soziales Milieu hatte, machte ich die Erfahrung einer gewissen Einsamkeit".
1924 ziehen sie nach Paris. Obwohl er Paris lieben und sich dort zu Hause fühlen wird, sollte Bayonne ein Katalysator seiner Sehnsüchte und die Provinz das Symbol eines verlorenen Paradieses bleiben.

Wie er selbst erklärte, hatte er zwei ortsbestimmte Körper "Einen Pariser Körper (rege, ermattet) und einen ländlichen Körper (ausgeruht, schwer)".
1930-34 besucht er das Lycee Louis-le-Grand, das Gymnasium, an dem die zukunftigen Eliten herangezogen werden. Roland Barthes ist ein durchaus erfolgreicher Schüler. Er wird in Anerkennung seiner guten Leistungen auf der Ehrentafel der Schule eingetragen.
In dieser Zeit entdeckt er einen Schriftsteller, der in seinem späteren Leben eine bedeutende Rolle spielen sollte: Marcel Proust. Er hält Proust im Grunde für einen Dichter, der Prosa schreibt und ausgehend von den kleinen Vorkommnissen des täglichen Lebens die Empfindungen und Erinnerungen analysiert, die diese Vorkommnisse in ihm wachrufen. Phillipe R. erinnert sich an ein Bild, das sein Freund damals verwendet hat: Proust ist wie jemand, der die konzentrischen Kreise beobachtet, die ein ins Wasser geworfener Stein verursacht hat.

Was ihn lebenslang beeindruckte, war das Theater. Schon als Schüler spielte er in einer Theatergruppe mit. Eine seiner Lieblingsrollen war Dareios. Seine Diplomarbeit schrieb er über griechische Tragödie. Später wird für ihn sich mit dem Theater zu befassen identisch mit: sich mit Brecht zu befassen sein. Die auseinandersetzung mit Brecht läßt sich durch das ganze Werk von Barthes verfolgen. Was ihn an Brecht vor allem anderen bewegte, war dessen Ästetik der Lust. Dem "späten" Brecht ging es darum, nicht nur eine Schauspiel-, sondern auch Zuschauerkunst zu entwickeln, damit ein "lustvolles Lernen, fröhliches und kämpferisches Lernen" möglich wird. Später wird Roland Barthes schreiben, "Brecht ist ein Marxist, der über das Zeichen nachgedacht hat". Nach seiner Ansicht hat Brecht dem Marxismus die Ästhetik nachgeliefert, die ihm gefehlt hatte.

Die Serie seiner Schulerfolge wird von einer Katastrophe jäh unterbrochen, die das Jahrzehnt seines Lebens prägen wird: Lungentuberkulose. Man schickt ihn sofort zur Erholung nach Bayonne, und anschließend in die Berge. Für fast zehn Jahre mit kurzen Pausen wurde er in ein Sanatorium eingespert (bis 1946). Das bedeutete das Aus für seine Träume vom Studium an einer Hochschule (obwohl Roland Barthes mehrmals in verschiedene Studienfächer eingeschrieben wurde). Andererseits zählte Barthes das Sanatorium zu einer wichtigen Episode. "In ihm macht man", sagte er, "zwei wichtige Erfahrungen. Die erste ist die Erfahrung der Freundschaft. Man lebt jahrelang mit Gleichaltrigen zusammen, bewohnt zu dritt oder zu viert ein Zimmer, sieht sich täglich, und das, was einem hilft, ist die grosse Zuneigung, die sich in einer solchen Gemeinschaft entwickelt (...). Die zweite Erfahrung ist natürlich die des Lesens. Was sollte man sonst schon tun? Man liest also". Sein Biograf sagt, dass ihm die Tuberkulose ein durchschnittliches Schicksal erspart, und dass er im Sanatorium ein unschätzbares intellektuelles Rüstzeug erworben hat.
Nach der Rückkehr ins normale Leben stürtzt er sich auch in das intellektuelle Leben von Paris.

Nach dem Krieg arbeiteten immer noch Matisse, Chagall, Leger, Jean Cocteau. Von den Kunstbewegungen hat noch am ehesten Surrealismus überlebt.
1947 veranstalten Frederick Kiesler (der damals schrieb: "Der 'moderne Funktionalismus' in der Architektur ist tot"), Max Ernst, Miro, Duchamp, Matta, Breton und andere im Saal des Aberglaubens die Erste Internationale Nachkriegsausstellung des Surrealismus in Paris. Im allgemeinen befand sich die französische Kunstszene nach dem Krieg in einer schwierigen Lage und litt unter dem Druck der brillianten Vergangenheit. Zum ersten Mal seit 2 Jahrhunderten verlor Frankreich seine führende Rolle in der Kunstgeschichte. Amerika würde sie übernehmen, was zur gewissen Selbstisolation und zum Nationalismus in der Kunst in Frankreich führte. Erst Ende der 50er jahre wurde ein erster Durchbruch erreicht (man verbindet den mit den Namen von Yves Klein, Arman, Christo, Tinguely, Soto, Vasarelli). Chris Marker Godard und Allain Robbe-Grillet.

Das intellektuelle Leben war im Gegensatz dazu oder eher gerade deswegen in Bewegung geraten. Es fanden leidenschafliche politische und philosophische Diskussionen statt, vor allem über den Existenzialismus und Sartres Thesen zum Engagement des Schriftstellers. Sartre entwickelt ausgehend von Heidegger und der Phänomenologie Husslers eine Theorie von der Freiheit des Menschen, der zur Freiheit verurteilt und dazu aufgerufen ist, in jedem Augenblick sein Leben neu zu wählen, weshalb er auch für seine Wahlen verantwortlich ist: "Die Existenz geht der Essenz voraus", diese berühmt gewordene Formel fasst im Grunde genommen die recht einfache Idee zusammen, dass die Existenz nichts vorgibt außer der Existenz selbst. Die Essenz muss erst nachträglich geschaffen werden. Roland Barthes verstand sich damals als Anhänger Sartres und als Marxist.

Für die Zeitung Combat bereitet er die erste Fassung des am "Nullpunkt der Literatur" vor. Die Schreibweise, erklärt er, ist für den Schriftsteller der Ort einer Wahl, ein Ort der in zweifacher Hinsicht durch die Norm determiniert ist: Durch die Sprache, die er von der Gesellschaft sozusagen ererbt hat und durch seinen eigenen Stil, der Teil seines Körpers und seines Begehrens ist. Das Schreiben ist somit ein Akt historischer Solidarität. Davon ausgehend, unterscheidet er verschiedene Schreibweisen, die jeweils verschiedenen sozialen Eingliederungen entsprechen: Man nimmt eine Schreibweise an, wie man ein Kleidungsstück annimmt, um seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe anzuzeigen: Die schreibweise des Kriminalromans, die bürgerliche Schreibweise oder die handwerkliche Schreibweise.

1947 erhielt Barthes den Posten als Bibliothekar am Französischen Kulturinstitut in Bukarest. Als er nach Rumänien kommt, sitzt König Michael, der sogar zum Helden der Sowjetunion ernannt worden war, also noch auf dem Thron. Bald aber schließt sich eiserne Vorhang zwischen Ost- und Westeuropa, der König in Bukarest wird abgesetzt und die Volksrepublik wird ausgerufen. Angesichts der Diktatur, die in einem Land errichtet wurde, dessen offizielle Ideologie der Marxismus ist, sagt Roland Barthes trotzdem, dass er "vom politischen Standpunkt aus nicht anders als marxistisch denken kann". Die Situation beginnt rasch kritisch zu werden, und das Kulturinstitut Frankreichs muss das Land verlassen.
"Ich bin verzweifelt, ein Land zu verlassen, in dem ich liebe".

Roland Barthes wird nach Alexandria versetzt.
Alexandria, ein eizigartiges anglo-französisches "Handelskontor", war 1949 in zweifacher Hinsicht Kolonie: die Engländer waren, kurz gesagt, die Polizei, die Franzosen die Kultur. Hier erfährt er von seinem neuen Freund vom Genfter Begründer der moderner Linguistik, Saussure, vom russischen Sprachwissenschaftler Roman Jakobson, sowie vom dänischen Linguisten Brondal, und macht sich dem entstehenden Strukturalismus (*) vertraut. In seinem ersten öffentlichen Vortrag spricht er über Musik, begeht dabei eine Geschmacklosigkeit und prägt eine Formel:
"Der Adel des 18.Jhs hörte Musik mit offenen Augen, während die heutige Bourgeosie die Augen schliesst um Musik zu geniessen."

Barthes fühlt sich in Alexandria nicht wohl. Die Gesellschaft erscheint ihm hier "von niedrigem Niveau, konformistisch, eitel, jeder Art von Intelligenz und Sensibilität abträglich". Und alle sind darüber erstaunt, dass die Bewohner Alexandrias nicht einmal Alexander den Grossen kennen.

1950 verlässt Barthes Alexandria und kehrt nach Paris zurück. Für Combat schreibt er kleine Mythologien des Monats, die ihn 1957, als sie in Buchform erscheinen, berühmt machen werden. Die Schrift ist also eine Sammlung von Essays, über Theater, Photographie, Werbung für Persil und Omo, über die Tour de France, den neuen Citroen, Beefsteak und Pommes frites. "Das Besondere an den 'Mythen des Alltags' ", bemerkte er später in einem Fernseheninterview, "war, dass ich mir systematisch und en block eine Art Monster vornahm, das ich (auf die Gefahr hin, aus ihm einen Mythos zu machen) als Kleinbürgertum bezeichnete und auf das ich unablässig einhämmerte". Der Mythos verwandelt das Geschichtliche in Natürliche. So entstehen die "ewigen" Werte, die nicht erklärt werden müssen. Der Mythos stellt fest und erklärt nichts. Der Bourgeois, der im Reichtum lebt, muß sich nie fragen, nie erklären. Er will, dass alles so bleibt, und zieht aus den Mythen diese Bestättigung. Die Semiologie wird für Roland Barthes allmälich zu einer Waffe, einem Instrument der Sozialkritik. (Zu beginn des Jhs definierte Saussure Semiologie als Wissenschaft, die das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht.)
Ein Beispiel: das Jahr 1954 beginnt mit einem außerordentlich strengen Winter. In einer Nacht erfriert ein Baby, die Minister sind aufgeregt, und nun tritt eine seltsame Gestalt an die Öffentlichkeit, ein Vikar, der in der Resistance den Decknamen Abbe Pierre hatte. Er gründet die "Lumpensammler von Emmaus", ruft zur Solidarität und Nächstenliebe auf, und die Medien geben sehr schnell seiner Kampagne breiten raum. Roland Barthes sieht Abbe Pierre von einem "Wald von Zeichen" bedeckt, und schreibt in der "Ikonographie des Abbe Pierre": "Ich frage mich dann, ob die schöne und ergreifende Ikonographie des Abbe Pierre nicht ein Alibi ist, aus dem ein gut Teil der Nation einmal mehr das Recht für sich ableitet, ungestraft die Zeichen der Nächstenliebe an die Stelle der Realität der Gleichgerechtigkeit zu setzen".
1960 wird Barthes zum Studienleiter in der Soziologie der Zeichen, Symbole und Darstellungen an der Ecole Pratique ernannt, er sollte 18 Jahre lang, bis zu seiner Wahl in das College de France, an der Ecole bleiben. Er war ein absolut exzellenter Lektor.
In 1964 veröffentlicht er "Rhetorik des Bildes", eine Analyse eines Plakats für die Spaghettimarke Panzani. In ihr untersucht er Beziehungen zwischen Text und Bild (die berühmte Verankerungsfunktion des Textes, der eine der möglichen Bedeutungen des Bildes fixiert: die Grafik bietet viele Bedeutungsmöglichkeiten, der Text verankert sie in einer von ihnen). Danach beginnen die Werbeleute sich für Barthes Seminare interessieren.

Bei einem Abendessen, zu dem Roland Barthes eingeladen wurde, stellte er eine Frage: "Was ist der wichtigste Bestandteil der weiblichen Kleidung?" Linguist Martinet: "Die beine natürlich, das heisst die Strümpfe, die Schuhe." "Aber nein,- sagt Barthes,- vom semiologischen Standpunkt aus halten die Beine nicht was sie versprechen. Beine mit oder ohne Naht, mit oder ohne Stöckelschuhe geben kein besonders reichhaltiges System ab, während man es beim Halstuch mit über 30 elementaren Kategorien zu tun habe. Dann spricht er über den Schal und seine Unterarten (Kragenschoner, Cachenez, Busentuch, Stola, Pelerine) in Opposition zum Halstuch, da er im Gegenstz zu diesem von den Schultern und nicht vom Hals getragen wird.

In "System de la mode" analysierte Barthes ausführlich ein ganzes gesellschaftliches Teilsystem, nämlich das der Mode. Als Analysematerial dienen ihm die Ausgaben von zwei Modezeitschriften der Jahre 1958/59. Das Buch selbst wurde in einer rein wissenschaftlichen Sprache geschrieben, und stellt, wie der Biograf beschreibt, einen "dickleibigen Wälzer" dar. Aber die Beschäftigung mit dem Mode-System bringt Roland Barthes ein wichtiges Resultat: das Postulat von Saussure, nach dem die Linguistik in der Semiologie erhalten sei, muss umgekehrt werden. Das heisst: die Semiologie ist ein Teil der Linguistik. In der westlichen Gesellschaft, so Barthes´ Erkenntnis, haben die Mythen, Zeichen und Riten Vernunftsgestalt angenommen, d.h. sie besitzen letzlich die Gestalt einer Sprache.
Was auffällt: in der Architekturtheorie in der gleichen Zeit setzt sich R. Venturi auseinander mit der Architektur als einem system von Zeichen, und später kommt Ch. Jenks mit seinem Buch "die Sprache der Architektur der Postmoderne" besonders gut an.
Mit dieser neuen Ansicht, als Bestandteil der totalen Linguistik, verliert die Semiologie ihren besonderen Reiz für Roland Barthes, und er kehrt zurück zur Sprache, Literatur und Kunst.

1966-67 reist er insgesamt drei Mal nach Japan, sammelt Stoff für ein Buch, an dem er gerade arbeitet, "Das Reich der Zeichen" und verliebt sich dabei in Land und Leute, von denen er tief beeindruckt ist, erlebt, wie er sagte, "eine intensve Glücksempfindung" und findet Japan als Land seiner Fantasien. Später in einem Interview: "Müsste ich einen neuen Robinson erfinden, so siedelte ich ihn nicht auf einer verlassenen Insel an, sondern in einer Stadt mit zwölf Millionen Einwohnern, deren Worte noch Schrift er nicht zu entziffern wüsste: Das wäre, glaube ich, die moderne Form des Mythos." Man lässt sich unschwer Tokio erkennen.

Der Mai 1968 bringt Ereignisse mit sich, die später Studentenbewegung genannt werden. Dabei war Barthes darüber erstaunt, dass er in dieser symbolischen Auseinandersetzung zwischen der "bürgerlichen Ordnung" und den "protestierenden" Studenten gerade von den Studenten abgelehnt wird. Verstimmt macht er bemerkungen über den kleinbürgerlichen Ursprung der Ereignisse´68 und über den Narzissmus dieser Generation.

1970 erscheinen zwei Bücher, die eine Wende in seinem Werk einleiten: "Das Reich der zeichen", ein Japan-Buch, und ein weiteres Buch, das sich mit Balzac beschäftigt. An dem Buch "Die Sprache der Mode" hatte Roland Barthes noch eher als Schreiber gearbeitet. Bei den beiden neuen Werken handelt es sich um zwei enschieden nicht-akademische Bücher. Gleich danach erfolgt seine Exkommunikation durch die Linguisten. Sie schreiben: "Es ist unmöglich, über ihn wissenschaftliche Aussagen zu machen. Er gilt als Theoretiker, während er doch nur ein Essayist ist, und bringt alles durcheinander; kurz, Barthes treibt nicht Semiologie, sondern 'soziale Psychoanalyse' ". Dann kommt eine Hommage an Barthes, an "die Fairness, mit der er seine Kämpfe führt, die oft stimulierende Wirkung seiner Feststellungen, seine Sensibilität beim Aufwerfen aktueller Probleme, als Entdecker vielversprechender Forschungsbereiche oder Standpunkte". Die Exkommunikation ist aber unwiderruflich.

* Strukturalismus:
(...) 2.eine Betrachtungsweise, die in der Sprachwissenschaft seit Saussure entwickelt worden ist.
Die strukturelle Linguistik untersucht die Sprache als ein System von Zeichen, die durch die zwischen ihnen bestehenden Differenzen und Abhängigkeiten bestimmt sind. Sie hebt den Charakter des Sprachzeichens als Unterscheidungsmerkmal hervor: das einzelne Zeichen ist nicht in sich selbst, sondern wird erst durch die Unterschiede zu anderen Zeichen der Sprache gebildet.
Die Sprache stellt in dieser Weise ein durch Differenzen zusammenhängendes Ganzes dar. Saussure gebraucht hierfür die Bezeichnung System. Nach ihm beginnt die sog. Prager Schule (N. Trubezkoj, Roman Jakobson) von der "Struktur eines Systems" zu sprechen, wobei "Struktur" den Charakter der Sprache als System hervorheben soll. Struktur meint Ordnungszusammenhang zwischen den Elementen in der Sprache.
Schliesslich wird die Bezeichnung "strukturell" für die Methode selbst verwendet. Im gegensatz zu Richtungen, die Elemente der Sprache für sich selbst untersuchen, geht es dem S. um die Bezeihungen zwischen den Elementen. Weiter unterscheidet sich Linguistik von genetischen Betrachtungsweisen, die die Sprache von ihrer Entwicklungsgeschichte her verfolgen. -- nach Saussure wurde die strukturelle Linguistik vor allem von der Prager Schule und der sogenannten Kopenhagener Schule um L. Hjemslev weiterentwickelt.
(...) 3. Die Übertragung bzw. Anwendung von strukturellen Betrachtungsweisen auf Bereiche wie Ethnologie, z.B. auf verwandschaftliche Beziehungen und Mythen( Levi-Strauss), auf die Psychoanalyse (Lacan), auf Literatur und Ideologie (Barthes). Seit den 1950er Jahren gibt es eine Tendenz in den Sozial- und Humanwissenschaften, die von der Idee einer allgemeinen Wissenschaft der Zeichensysteme(Semiologie) ausgeht und die strukturelle Linguistik als Modell benutzt.(...)

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