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Semesterprojekte

Themenarchiv der Projekt- und Diplomarbeiten

Semester:
Wintersemester

Student:
Abel, Anna
Biechteler, Heike
Conradi, Julia
Förster, Catharina
Gieseke, Alexander
Hassenstein, Boris
Hoelzinger, Anne
Krug, Julia
Müller, Heidi
Opper, Cornelius
Przyrembel, Mark
Roloff, Yves
Schladitz, Wenke
Schneider, Christian
Schudel, Manuel
Swillus, Joachim
Wiesmann, Patrick

Studienphase:
Projekt im Hauptstudium

Professor / Lehrbeauftr.:
Prof. Eilfried Huth

Assistent / Wissensch. Mitarb.:
Jesko Fezer

Themengebiet:
Kultur/ Medien/ Kommunikation

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  • 1999. Studenten:
    Abel, Anna • Biechteler, Heike • Conradi, Julia • Förster, Catharina • Gieseke, Alexander • Hassenstein, Boris • Hoelzinger, Anne • Krug, Julia • Müller, Heidi • Opper, Cornelius • Przyrembel, Mark • Roloff, Yves • Schladitz, Wenke • Schneider, Christian • Schudel, Manuel • Swillus, Joachim • Wiesmann, Patrick
  • Projekt im Hauptstudium
  • Prof. Eilfried Huth
  • Kultur/ Medien/ Kommunikation
Semesterprojekt Architektur

RewindMETABOLISMUS

metabolismus
baulicher stoffwechsel in japan 1960-1970

ausstellung 10. juni - 09. juli 2000
galerie ffwd
ackerstrasse 154, 10115 berlin

展示会  Konzept der Ausstellung
Mark Przyrembel
(Text zum Konzept, ebenso die Web-Dokumentation – Konzept, Layout, Umsetzung)

Struktur
Eine strukturelle, strategische Schichtung in 4 Ebenen gliedert die Show. Das Verhältnis der Ebenen ist formal hierarchisch aber inhaltlich komplex. Das soll bedeuten, dass einerseits jede Ebene ihre eigene Sprachlichkeit entwickelt und es z.B. die Ebene der formalen/ räumlichen Ansprache gibt, die z.B. der historischen an Sichtbarkeit überlegen ist, dass jedoch andererseits die Verschränkungen der Ebenen und die Ansprüche an die BetrachterInnen endlos sein können.

Bei Ebene 1 (nach räumlicher Intensität und Komplexität gestaffelt) stellt sich am stärksten die Frage nach der Präsentationsform. Wir bezeichnen sie mit Ebene 1  Raum. Ihre Aufgabe in der Ausstellung ist es, ganz direkt die BetrachterInnen zu involvieren und etwas von dem Gegenstand zu vermitteln, um den es geht, sozusagen, wie sich Metabolismus anfühlt. In der Ausstellung ist dies grob die Unterteilung der beiden Räume in Kapsel und Megastruktur. Beide Konzepte werden räumlich/ strukturell/ symbolisch interpretiert.

Die Ebene 2 nennen wir Theorie. In Ihr soll vermittelt werden, wie Metabolismus gedacht war und was daran interessant ist. Wir haben hier viel über das Konzept des Wandels gesprochen. Naturanalogie, Technologie­euphorie, Megastruktur, Kapsel-Unit, Individuum & Gemeinschaft und die Wohnraumfrage sind andere Eckpunkte der Selbstbe­gründung des Metabolismus. Dies wird mit Original Zitaten inklusive der Englisch­schwächen in die Ausstellung gesetzt.

Ebene 3 sind Archive. Einerseits von Fans für Fans als Möglichkeit eines tieferge­henden Einstiegs gedacht und andererseits, um dem Gegenstand in seiner Reduzierung auf Ebene Raum und Theorie entgegenzutreten. Was schon das Problem benennt: wie geht man damit um "trockene Fakten" gegen visuelle Repräsenta­tionen zu stellen. Es wird eine Auswahl von erläuterten Modellen von metabolistischen Projekten geben, ein Megastucture-Panorama und eine ausführliche digitale Datenbasis zur Recherche und für einen Überblick über die Produktion.

Aber es gibt noch Ebene 3, die sog. Kontextualisierung, der eine ähnliche Aufgebe wie Archive zukommt. Allerdings ist hier viel stärker Kommentar und Interpre­tation gefragt. In Kanistern für destilliertes Wasser werden als 3-D Collage Geschichten aus der Zeit, der Bewegung, den Umständen und den Verstrickungen erzählt.

Kontextualisierung ist der Bereich, den wir für die Komplexität und Aussage­intensität der Ausstellung für wichtig halten, während wir Archive als pop-wissenschaft­lichen Service verstehen, Theorie als Einführung für die Besucher in das Thema und als städtebaulich/ architekto­nisches Statement für Berlin u.a. und von Raum versprechen wir uns, dass es als Ausstellung funktioniert und eine abstrakte Agit-Funktion übernimmt.

Aktive metabolistische Geschichtsschreibung
Eigentlich noch vor Form und Struktur stellt sich die Frage nach Methode und Absicht einer Ausstellung. Wir bemühen uns um aktive metabolis­tische Geschichts­schreibung. Unsere Auffassung von Geschichte ist eine aktive. Es ist leicht nachzuvoll­ziehen, wie Geschichte ganz allgemein Herrschafts­strukturen und anderseits Geschichte selbst stetiger nachträglicher Veränderung unterworfen ist. Maximilian vom "Freundeskreis" sang: "Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte! You`re a part of it, so get to the heart of it! Cause if you don`t know, you won`t go" oder so ähnlich.
Jede Geschichtsschreibung ist per se Interpretation. Fakten sind nicht mehr als Geschichten, sowenig wahr und richtig. Dies aufzugreifen, bietet die Chance einer "richtigen" "historischen" Ausstellung, was RewindMeta­bolismus zweifellos auch sein will. Dies muss auch formal bedacht werden. Wir haben dies bisher mit fiktionalen/ erzählerischen Momenten aufgegriffen.

Ziel der Ausstellung
Es handelt sich offensichtlich nicht um eine Retrospektive oder Werkschau mit eigenen Arbeiten, die in der Regel zusammen­gestellt werden, um Ruhm, Ehre und kulturellen Mehrwert für den/die KünstlerIn anzuhäufen. Wir stellen aus über Arbeiten anderer Leute, aus anderer Zeit, aus anderer Gegend. So wie wir es besprochen hatten gibt es mehrere Motivationen für das Seminar und auch die Ausstellung. Wir nehmen sie alle gleich wichtig und vermuten, dass sie in Zusammenhang stehen.

Motivation 1 war Begeisterung für, sagen wir, Kühnheit, Coolness, Kraft und Abgefahrenheit des vorliegenden Metabolismus-Materials. Verrückte Jungs mit heißem Scheiß, darf der Welt nicht vorenthalten werden. Wir vermuteten, da ist noch mehr als das Bild der Helix-City und der Tokyo Bay Plan.

Motivation 2 bezieht sich auf "aktive metabolis­tische Geschichts­schreibung". Ich denke ein zentrales Anliegen kritischer wissenschaftlich/ künstlerischer Arbeit muss immer auch die Überprüfung und Reorgani­sation des vorliegenden Materials sein. Wenn Koolhaas über Metabolismus schreibt: "It is the first time in over 3,000 years that architecture has a non-white avant-garde." ist das toll, aber da geht noch mehr. Die Arbeit an der euro-amerikanischen Architektur-Geschichts­schreibung in der z.B. Japan immer nur als Reservoir für Ideen, das Andere oder als Skurrilität am Rande auftaucht ist mir ein Anliegen. Sinn ist, Welt anders sehen zu können als es heute möglich scheint. Aus dem Elend deutsch-preußischer Blockrand­bebaung als einzig denkbares Modell kommen wir nur heraus, wenn wir unseren eurozen­trischen Standpunkt permanent überprüfen.

Motivation 3 war selbstverständlich ein fachliches Interesse an den Modellen und Vorschlägen der Metabolisten. Wie war es gedacht, wie sah es aus, wie sollte es umgesetzt werden, wie wurde der Deckenanschluß gelöst etc.

Motivation 4 ist vage so etwas wie ein Interesse an Wandel, Bewegung, Technologie, Gesellschaft im Wandel, Freiheit etc. Themen die heute noch/wieder von Relevanz sind und über die man anhand des Metabolismus-Materials sehr gut sprechen kann, da dort wohl exemplarisch, visionär und radikal an Wandel als allgemeinem Lebensprinzip gebastelt wurde.

Verwickeln und Distanzieren
Die Strategie, die wir gewählt haben, kann man als verwickeln und distanzieren beschreiben. Das würde bedeuten, parallel zu unserer eigenen Herangehens­weise auch in der Ausstellung einerseits das Publikum in Metabolismus zu verwickeln, sprich 1:1 die Dinge transpor­tieren und erfahrbar machen, und andererseits permanent zu distanzieren, um Vereinfach­ungen nicht als endgültige zuzulassen. Das Verfahren wäre, Filter einzubauen, um eigene Blickwinkel aufzuzeigen und die Dinge komplex zu halten, den Zugang zum Material selbst zu thematisieren.

Fallen: Exotismus und Retrochic
Besonders ekelhaft sind die vielen Fallen, die auch für RewindMeta­bolismus aufgestellt wurden. Die erste ist ungefähr Exotismus oder Orientalismus oder anders positiver Rassismus. Dies ist nicht nur eine Falle, sondern andersherum betrachtet auch die Herausforderung an die ganze Ausstellung. Positiver Rassismus meint "Schwarze haben Rhythmus im Blut." Eine positiv gemeinte Zuschreibung, die allerdings ethnischen Gruppen "Rasseneigenschaften" unterstellt. Jede solche Unterstellung biologisiert menschliche Eigenschaften und konstruiert Bilder homogener "Rassen". Diese Zuschreibungen stehen in einem Komplex von Zuschrei­bungen und stellen den rassistischen Blick dar. Widerstand dagegen lässt sich nur formulieren, wenn man biologis­tische Vereinheit­lichungen zurückweist und andererseits den Blickwinkel aus dem man beschreibt deutlich mitformuliert. Exotismus und Orientalismus meinen allgemein das Interesse am "Anderen". Dieses andere erfüllt im orientalis­tischen Diskurs die Funktion der Projektions­fläche für das Eigene, ob Wunschtraum oder Hassobjekt ist dabei sekundär, wesentlich ist, dass das "Andere", das im Zentrum des Interesses steht sich immer nur im Unterschied zum "Eigenen" konstruiert wird. Das europäische Selbstbe­wusstsein hat dafür gesorgt, dass das "Exotische" dabei nicht gut wegkommt.
Der gegenwärtige Japan oder Asia-Hype in Lifestyle, Grafik, Mode und Musik ist meines Erachtens nicht frei von Exotismen. Währen sich hier zwar irgendwie ein globales Lifestyle-Dings entwickelt, ist der Blick doch immer auf die Anders­artigkeit fixiert. Alte Vorurteile wie fleißige "Arbeiter-Ameise", "Nachahmer", "Hochtechnologie-Freaks" oder gar krasse sexistische Zuschreibungen sind nach wie vor aktiv. Dem möchten wir entgegen­arbeiten obwohl zugegeben werden muss, dass RewindMeta­bolismus sicher unreflektiert auch vom genannten Lifestyle-Asia-Hype inspiriert war.

Die Retro-Chic-Frage ist der andere Aspekt, dem sicher auch ein Teil des Interesses an Metabolismus geschuldet ist. 60er und mehr 70er im Design ist Topseller. Man kann kotzen, wenn man den Mist sieht, der teuer in Szene-Interieur-Läden verscherbelt wird. Die homogeni­sierende Wirkung dieser Betriebe ist fatal. Es gab auch in den Siebzigern gutes und schlechtes Design, Ideen mit emanzipativer Schlagkraft und Konsumkram. Nicht jede orange Bollenform kann interessant sein. Die Frage nach Gestaltung, Sozialem und Raum wird in diesen Läden und Studentenbuden aufs grausamste getreten. In diesem Minenfeld werden wir auf Differen­zierungen achten.

Andererseits ist wie gesagt ein Zusammenhang zwischen den Hypes und RewindMeta­bolismus schwer und mühselig zu widerlegen. Unser Ansatz ist auch, die Flanke aufnehmen, dass alle das chic finden, was wir zeigen werden an Material. Wir werden das populäre daran nicht künstlich zerstören, sondern die Chance nehmen mit Differen­zierungen und Kontextuali­sierung der Sache wieder Inhalt und Aussage zuzusprechen.

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