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Semesterprojekte

Themenarchiv der Projekt- und Diplomarbeiten

Semester:
Wintersemester

Student:
Abel, Anna
Biechteler, Heike
Conradi, Julia
Förster, Catharina
Gieseke, Alexander
Hassenstein, Boris
Hoelzinger, Anne
Krug, Julia
Müller, Heidi
Opper, Cornelius
Przyrembel, Mark
Roloff, Yves
Schladitz, Wenke
Schneider, Christian
Schudel, Manuel
Swillus, Joachim
Wiesmann, Patrick

Studienphase:
Projekt im Hauptstudium

Professor / Lehrbeauftr.:
Prof. Eilfried Huth

Assistent / Wissensch. Mitarb.:
Jesko Fezer

Themengebiet:
Kultur/ Medien/ Kommunikation

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  • 1999. Studenten:
    Abel, Anna • Biechteler, Heike • Conradi, Julia • Förster, Catharina • Gieseke, Alexander • Hassenstein, Boris • Hoelzinger, Anne • Krug, Julia • Müller, Heidi • Opper, Cornelius • Przyrembel, Mark • Roloff, Yves • Schladitz, Wenke • Schneider, Christian • Schudel, Manuel • Swillus, Joachim • Wiesmann, Patrick
  • Projekt im Hauptstudium
  • Prof. Eilfried Huth
  • Kultur/ Medien/ Kommunikation
Semesterprojekt Architektur

RewindMETABOLISMUS

baulicher stoffwechsel in japan 1960-1970
Erklärung zu Urheberrechten bei den von Studenten zitierten Quellen (Text und Bild in den Metabolismus-Referaten) siehe ›› hier.
Shintoismus
Heidi Müller

1. Entstehungsgeschichte des Shinto
Shintoismus ist eine ethnische Religion deren Anfänge unbekannt sind (kein Gründer). Sie enthält Elemente der religiösen Einstellungen in China/ Süd-Ost Asien, Polynesien und andere (Shamanis­mus) der Rel. Zentralasiens. Sie ging also aus einer komplexen Fusion der verschiede­nen relig. Gruppen des Archipelagos hervor. Shinto hatte ursprüng­lich keinen Namen – es war "die Religion, die Kultur, das Alles" (Im alt-japani­schen Begriff für Zeremonien und religiöse Feiern "matsuri ", für Regierung "matsuri-goto ". Erst im 6. Jahrhun­dert als der Buddhis­mus aus Korea eingeführt wurde, wurde alte Religion von Neuer unterschieden:
Buddhismus - Pfad Buddhas,
Shinto - Pfad der Götter

Durchgehend durch die Geschichte Japans war Shinto bestimmend als religiöses, soziales und zeitweise auch politisches Phänomen. Dabei umfasst Shinto die vielfäl­tigen magischen und religi­ösen Anschauungen der Japaner ohne dass diese je genau definiert werden. Es gibt keine schrift­lichen Richtlinien oder Dogmen, drückt sich aber im Verhalten der Japaner unentwegt aus.

2. Verschiedene Formen des Shinto
Trotzdem es viele unterschiedliche Strömungen des Shinto gibt, lassen sich doch grob drei Typen unterscheiden.

Volksshinto
Der Shinto der "kleinen Tradition" in der Dorfgemeinschaft der zahlreiche Elemente des Taoismus und des Buddhismus aufgenommen hat und sehr lokal gebunden ist.
Schreinshinto
Eine landesweit organisierte etablierte Religion mit offiziellen Priestern , Forschungs­institut und Universi­täten.
Staatsshinto
Erst nach 1868 entstanden als ideologi­scher Unterbau der Politik in der Meji Regierung die "eine schnelle Moderni­sierung des in feudalis­tischen Strukturen gefangenen Landes anstrebte" daraus entstand der Begriff Kokutai (Landesge­meinschaft) der die Idee ausdrückt, dass jeder in der Familie des Kaiser-Vaters einen festen Platz hat, der ihm Würde verleiht. Dieses geistige Konzept war am Preussen der Gründerzeit orientiert aus dem die Hegel’sche Theorie des absoluten Geistes der sich in Geschichte und Staat verwirklicht übernommen und dann mit dem archaischen Mythos des Kaisertums verbunden wurde. Dieser Versuch beendete die Symbiose des Volksshinto mit dem Buddhismus, da sich nun jeder Tempel eindeutig zu einer Religion bekennen musste und die anderen ihren politi­schen Einfluss verloren und führte Japan auf den Weg des Imperialismus und Militarismus. Die künstliche Trennung von Shinto und Buddhismus wurde dann nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wieder aufgehoben.

Die Entstehung der Welt wird im Shinto auf Änliche Weise wie in der chinesi­schen Mythologie erklaert: Aus gestaltloser Materie entsteht eine Gottheit die weitere Gottheiten hervorbringt, vor allem das Urgötterpaar Izanami (die Frau die einlaedt) und Izanagi (der Mann der einlädt). Sie bekommen von dem dritten Gott den Befehl, die Welt zu ordnen. Nachdem sie das Land hervorge­bracht haben, gebärt Izanami die Sonnengöttin. Zu den Göttern gehoeren im Shinto auch die Ahnen. "Der Strom des Lebens rauscht ohne Unterlass durch die sich ablösenden Genera­tionen, wie durch den Kreislauf von Blühen und Vergehen der Jahres­zeiten."

3. Feste und Riten im Shinto
Shinto ist eine Religion die nur durch Teilnahme an ihren Festen und Riten begriffen werden kann, denn nur dort wird das Mysterium der Götter, die ja aus den vertrauten Dingen heraustreten erfahrbar. Diese Einstellung lässt sich aus der ursprüng­lichen Gestalt Japans als ein altes Bauernland erklaeren:
Zum Gelingen der Landwirtschaft müssen die Menschen mit den Kräften des Kosmos zusammen­arbeiten – diese Kräfte sind im Shinto lose Göttern zugeordnet, ohne ihnen eine direkte Funktion oder Wesen zuzuschreiben ›› in jedem einzelnen Ding offenbart sich ein Absolutes. Verschiedene Feste machen die Einheit von Natur und Göttlichkeit im Shinto anschaulich: das Fest der Sonne, bei dem sowohl die Ahnen als auch die anderen "Naturgötter" sich an Orten offenbaren an denen die Mächtigkeit der Natur besonders spürbar ist (Bergspitzen, Wasserfaelle...). Ähnlich wie in anderen archai­schen Religionen werden die Götter durch rituelles Theater und Tänze beschworen und die Wuensche der Menschen mitgeteilt. Der organi­sierende Einfluss dieser Riten auf die ländliche Gesellschaft in Japan wird am Beispiel des Reisanbaus deutlich. Dort wird der Begriff Musubu (Binden) als Grundbegriff der Religiö­sität gebraucht , die Harmonie der Gruppe (Wa), die den Reisanbau erst ermöglicht wird durch Musubi, die Kraft des Werdens und des Wachsens gestärkt. In der Industrie­gesellschaft führte die Anwendung dieser Idee zu der Gruppen­dynamik die wesentlich zum Erfolg der japani­schen Wirtschaft beige­tragen hat. Im Gegensatz zur westlichen Welt in der die Menschen seit der Klassik zur Natur als Gegensatz stehen und die höchste Stufe die Beziehung Gott-Mensch ist (Körper und Seele, Materie und Geist) gibt es im Shinto (in allen Formen) ebenso wie in der alten chinesi­schen Philosophie die Idee dass die "höchste Weisheit des Einzelnen und der Gruppe darin besteht, immer höhere Stufen der Einheit von Mensch und Kosmos zu erreichen." Auch die extrem positive Einstellung der Japaner zu Wissen­schaft und neuer Technologie wurzelt in der Idee der Einheit von Mensch und Natur wie sie durch Riten immer wieder bestätigt wird – die Wissenschaft hat eine göttliche Stellung im Glaubens­system, da sie als eine Fortsetzung der mystischen Beziehung der Menschen zur Natur mit dem neuen Element des Rationalen angesehen wird.

Japanische Festmasken / Rituelle Maskerade
Traditionelle Kleidung hatsumode / Traditionelle Verhaltensregeln

4. Reinheitsrituale
Obwohl Shinto eine Religion ist, die die Fülle des Lebens zelebriert, so sind doch Tod, Krankheit und alles Verwesende, Faule oder Unreine den Göttern ein Ärgernis und konstante Reinigung und äusserste Sauberkeit sind geboten (Beispiel Ise Tempel, die alle 20 Jahre zerstört und wieder neu aufgebaut werden). Die Idee der Reinheit bezog sich jedoch nie nur auf das Physische sondern hatte selbst in den Anfängen der Religion bereits eine moralische Entsprechung. Der Grossteil der ethischen Werte kommen in dem Wort makoto zum Ausdruck. Dieser Begriff kann teilweise als Ernst­haftigkeit definiert werden, es schwingen in ihm aber auch die Bedeu­tungen tieferes Involviert-sein, Ehrlichkeit und Integrietät sowie Treue und Ergebenheit mit. Daneben bedeutet Makoto auch Wahrheit. Im Gegensatz zur west­lichen Philosophie, die Wahrheit meist als eine Art "korrektes" Photo der äusser­lichen Welt sieht, gibt es also im Shinto keine Trennung von Subjekt und Objekt (Wahrheit kann als solche nur im Zusammen­hang mit den ihr in makoto zugeord­neten Eigen­schaften wahrge­nommen werden).


Ise Tempel

Öffentliches Bad / Aufbahrung von Früchten

5. Shinto in japanischer Kunst und Architektur
Die Kunstgeschichte Japans ist im Unterschied zur westlichen zunächst nicht dem Gesetz der Stilwandlung und des Stilbruchs unterworfen sondern vielmehr dem der Stilkonser­vierung. Neue Einflüsse werden als Schicht über das Altherge­brachte gelegt und dieses bleibt so Teil der gesellschaft­lichen Realität. In der japanischen Tradition schöpft in der Kunst nicht das autonome Subjekt, sondern ein Teil des Kosmos der den Gesetzen der Natur dient und durch seinen Beitrag zur Ordnung des Chaoses den Ablauf des Naturkreis­laufs gewaehrleistet. Künstleri­sche und handwerk­liche Tätigkeit haben hier dieselbe Funktion wie das religiöse Ritual. Zentral ist hier die Idee des Weges in der östlichen Weisheit – aus dem Weg (chin. Tao ) entsteht Ordnung im Chaos und daraus der Kosmos. Kunst in Japan ist nicht Ausdruck ihrer selbst sondern setzt Zeichen und eröffnet Durchblicke in eine andere Realität. Der einfache und strenge Stil von Armut der in der Shinto-beein­flussten Kunst vorherrscht will mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Ausdruck erreichen. Durch den Buddhismus kamen dann erstmals Elemente wie Dekoration und Pracht in die japanische Kunst die jedoch nach dem prinzip der japanischen Gesellschafts­struktur die Widersprüche durchaus nicht ausschliesst, aufgenommen und mit der gleichen Hingabe verwandt wurden wie das "eigentliche" Repertoire.

Anschauliche Auswirkungen der Naturverehrung und der daraus resultier­enden poetisch/ mystischen Offenheit für das was uns umgibt, finden sich beispiels­weise im Umgang mit Materialien in der Architektur bei dem sehr viel Wert auf ein sinnliches Erfahren und dadurch ein tieferes Verständnis fuer die "Geheimnisse der Dinge" gelegt wird. Die Materialien füllen nicht passiv einen vorgegebenen Entwurf aus sondern bringen im Zusammen­spiel mit den Sinnen des Menschen den Entwurf erst hervor. Die Oberfläche ist also die "Idee", es gibt kein übergeord­netes intellek­tuelles Gerüst das durch sie ausgedrückt werden soll. Im japanischen Haus spiegelt sich zudem besonders stark das Verständnis der Beziehung von Mensch und Natur. Das Wort für Heim (katei ) schreibt sich als Integration der beiden Schriftzeichen für Haus und Garten als zwei Hälften eines Ganzen. Im Heim verlassen Japaner also nicht das Haus um ihren Einfluss auf die Natur auszuweiten sondern um die Natur dazu einzuladen, den Raum mit ihnen zu Teilen. Natur ist Kultur.

Pflanze / Pagode / japanischer Garten

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