(ehem.)www.arch.udk-berlin.de    Retrospektive

Semesterprojekte

Themenarchiv der Projekt- und Diplomarbeiten

Semester:
Wintersemester

Student:
Abel, Anna
Biechteler, Heike
Conradi, Julia
Förster, Catharina
Gieseke, Alexander
Hassenstein, Boris
Hoelzinger, Anne
Krug, Julia
Müller, Heidi
Opper, Cornelius
Przyrembel, Mark
Roloff, Yves
Schladitz, Wenke
Schneider, Christian
Schudel, Manuel
Swillus, Joachim
Wiesmann, Patrick

Studienphase:
Projekt im Hauptstudium

Professor / Lehrbeauftr.:
Prof. Eilfried Huth

Assistent / Wissensch. Mitarb.:
Jesko Fezer

Themengebiet:
Kultur/ Medien/ Kommunikation

Andere Projekte auswählen

 

 

 

Weiterempfehlen

  • 1999. Studenten:
    Abel, Anna • Biechteler, Heike • Conradi, Julia • Förster, Catharina • Gieseke, Alexander • Hassenstein, Boris • Hoelzinger, Anne • Krug, Julia • Müller, Heidi • Opper, Cornelius • Przyrembel, Mark • Roloff, Yves • Schladitz, Wenke • Schneider, Christian • Schudel, Manuel • Swillus, Joachim • Wiesmann, Patrick
  • Projekt im Hauptstudium
  • Prof. Eilfried Huth
  • Kultur/ Medien/ Kommunikation
Semesterprojekt Architektur

RewindMETABOLISMUS

baulicher stoffwechsel in japan 1960-1970
Formalästhetische Betrachtung der Metabolisten unter dem Aspekt der Wissenschaft und Technik
Catharina Förster

Inhalt

Einleitung
Die 50er und 60er Jahre sind die Jahre des Wirtschafts­wachstums, die Jahre der Bevölkerungs­explosion, das Anbrechen des Atomzeit­alters, der Raumfahrt, die Zeit in der bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen gemacht werden, die Zeit der "zweiten industriellen Revolution" wie Kenzo Tange sie auch in seiner Bestand­aufnahme von Tokyo aus dem Jahre 1960 bennent :" Es ist das Erscheinen der Metropolen der 1 Million-Klasse." Es ist das Zeitalter "des unsichtbaren Kommunika­tionsnetzes, das ein Sichtbarwerden einer offenen Organisations­struktur fordert, wo jegliche Kombination von Funktion und Funktio­nieren möglich sein muß, "das Zeitalter von Mobilität", in der der Einzelne immer "freier, spontaner und spezieller agieren will."(1)

Allgemeine Erfindungen in der Technik
Leben wir heute am Anfang der 21. Jahrhunderts in einer Zeit, in der viele technische Erfindungen für uns selbstver­ständlich sind, so steht dies in den 50er und 60er Jahren noch in seinen Anfängen. Zum ersten Mal wird es möglich, einer breiten Bevölkerungs­schicht zahlreiche Entdeckungen und Erfindungen im alltäglichen Leben zugänglich zu machen und zu präsentieren.

1956 realisiert das deutsche Physikalisch- Technische Entwicklungsinstitut LAING ein neues Lüfterprinzip.
Dieses Tangential- oder Querstromgebläse ist klein, geräuscharm und besitzt ein hervorragendes Regelverhalten. Das neuartige Gebläse wird u.a. in Fönen, Heizlüftern oder Entlüftungsanlagen eingesetzt, was nicht zuletzt auch den Trend von Großraumbüros unterstützt.
1956 werden erstmals in der BRD Computer in Serie hergestellt. In der modernen Büroorgani­stion taucht verstärkt die EDV auf. Übersetzungs­automaten, Computer für die Lohn- und Gehaltsab­rechnung sowie Speicheranlagen für rationelle Datenverar­beitung finden ihren Anfang auf dem Wirtschafts­markt der Firmen.
Seit 1952, wo zum ersten Mal in der BRD ein Fernseh­programm von knapp 2 Stunden ausgestrahlt wird, nimmt die Entwicklung, Information und Unterhaltung in Form von bewegten Bildern in Haushalten zu empfangen, stetig zu.
Die Kommunikation gewinnt in der Gesellschaft der Nachkriegs­zeit stetig an Bedeutung.
1956 wird zwischen Schottland und Neufundland das erste rund 36000 km lange transatlan­tische Unterwasser­telefonkabel gelegt, um das telefonieren auch zwischen den Kontinenten zu ermöglichen.

1956 Rechenzentrum UNIVAC im Frankfurter Batelle-Institut

Wie seiner Zeit der Stahl - und später der Stahlbetonbau - die Bautechnik und damit die Architektur in den Grundlagen veränderte, so beeinflußt auch in den 50er und 60er Jahren das Verwenden von Kunststoff als neuer Baustoff die Architektur. Die Eigenschaften der neuen Kunsstoffe sind von jenen der bisherigen Kunsstoffe verschieden.
In einem Artikel von Ionel Schein heißt es: " Der rechte Winkel ist nicht mehr eine Notwendigkeit. Fugen- und Dilitetions­probleme können in nahezu allen Fällen zum Verschwinden gebracht werden. Die Kunststoffe lassen sich formen, in die gewünschte Form kann - je nach ihren Eigenschaften - hundert - und tausendfach hergestellt werden. Die Herstellung kann aber nur noch mit Hilfe industrieller Methoden geschehen."(2)
Die Kunststoffe haben also als Produkt und die Herstellung und Anwendungs­weise enthalten als Prozeß wichtigste Merkmale der zweiten industri­ellen Revolution.
Die Kunsstoffe finden in allen Bereichen des Bauwesens ihre Verwendung: als Überdachung in Form einer Schalen­konstruktion,als Handwasch­becken und WC in einer Einheit zusammengefügt und nicht zuletzt für die Entwicklung ganzer Häuser wie das Monsanto-Haus, entwickelt von der MONSANTO CHEMICAL CIE zusammen mit dem Massachusetts Institute of Technology in Chicago.

1958 Monsanto-Haus im Walt-Disney-Land

Dieses ganz aus Plastik gefertigte Haus wird von US- amerikanischen Firmen bezugsfertig geliefert und kann bei einem Umzug problemlos auf einen Tieflader mitgenommen werden. Das Haus besteht aus vier auskragenden Flügeln und einem Zentrum, das auf einem betonierten Untergeschoß ruht. Die Flügel sind aus zwei unteren und oberen Plastik­schalen zusammengefügt.

Seit 1955 werden Radar- und Bohrinseln installiert, die als schwimmende Plattform auf den Ozean hinaus geschleppt werden und dort mit Hilfe von ausfahrbaren Betonstützen im Meeresboden verankert werden und mittels hydraulischen Pressen etwa 20m über den Meeresspiegel angehoben werden.
Die Beschreibung solcher künstlichen Inseln im Meer ist nicht weit entfernt von Projekten von Kisho Kurokawa, der 1969 eine schwimmende Fabrik entwirft oder der Marine Exposition in Hawaii von Kiyonori Kikutake 1971.

Kisho Kurokawa - 1969 Metabonate '69, Floating Factory, Entwurfsskizze und Modellfoto

Kiyonori Kikutake - 1970, Marine Exposition Hawaii, Schnittansicht und Modellfoto

Die 60er Jahre sind stark durch den Schiffsbau gekennzeichnet. Dabei bestreitet der Schweizer Professor August Piccard nur eine Dimension der Entwicklung und zwar die der Tiefe. 1960 stellt er mit seinem von ihm entwickelten Tiefsee­tauchboot "Triest" einen Tauchrekord auf. Im Mariannen­graben des pazifischen Ozeans sinkt er bis zu einer Tiefe von 10910m ab.
Für die Dimension der schnelleren Fortbewegung über Wasser entwickelt der Brite Christopher Cockerell ein Boot, welches auf einem rund 20cm starken Luftpolster über die Wasseroberfläche schwebt und höhere Geschwindigkeiten als herkömmliche Schiffe erreicht. Das unternehmen HOOVERKRAFT stellt seit 1960 diese neuartigen Luftkissen­fahrzeuge her.
In der Entwicklung von großen Frachtschiffen und sogennanten Supertankern erlangt vor allen Dingen Japan eine Vormacht­stellung auf dem Weltwirt­schaftsmarkt.
1961 wird in Japan der erste Supertanker von 130 00 tdw in Auftrag gegeben. Das ist im Anbetracht der Tatsache, daß Japan keine Rohstoffbasis besitzt, nur 20% seines Bodens sind kultivierbar, recht erstaunlich. Weniger erstaunlich wird diese Tatsache jedoch, wenn man hier auf die politische Beziehung Japans mir den USA blickt. Nicht nur die Wirtschafts­hilfe nach dem 2. Weltkrieg von den USA, die letzlich nie ohne Eigeninteresse erfolgt, sondern auch die beiden Kriege in Korea und Vietnam spielen dabei eine Rolle. Da das Inselreich als Nachschubbasis für die Front diente, konnte seine Industrie (Stahl, Werften, Maschinenbau) mit massiven Aufträgen rechnen.

Was für die Fortbewegung über Wasser sich in jenen Jahren entwickelt, gilt auch für die Luftfahrt. In den 60er Jahren erfolgt die Umstellung von Verkehrs­flugzeugen mit Proppeler­motoren auf Düsenflug­zeuge.

Das Atomzeitalter
Spricht man von den 50er und 60er Jahren als die Zeit der zweiten industriellen Revolution, so erwähnt man nur einen Teil der Entwick­lungen und Tendenzen, die diese Zeit prägt. Das Atomzeitalter hat aktiv begonnen. Was sich vornehmlich aus militärischen und Weltpolitischen Rangeleien um die Vormachtstellung - sich zuspitzend in der Kuba-Krise von 1961- in der Atom­wissenschaft- und Technik entwickelte, hat auch Einfluß auf das Alltagsleben in ganz anderer Hinsicht:
Am 17.10.1956 schaltet Königin Elisabeth II. von Grobritanien in Calder Hall das erste für zivile Elektri­zitäts­gewinnung genutze Kernkraftwerk der Welt ans Netzt. " Mit der Energiege­winnung aus Kernbrenn­stoffen eröffnet sich für die gasamte Menschheit die Aussicht auf Wohlstand und wirtschaft­lichen Aufschwung."(3)
Damit wurde das Atomzeitalter in positiver Hinsicht eingeläutet und findet nicht zuletzt auf der Weltausstellung in Brüssel von 1958 das Modell eines Atoms und seinen Verbindungen als raumgrei­fendes Gebilde seine Entsprechung.
Auch die Metabolisten äußerten sich nicht abgeneigt über die Ausnützung von Atomkraft für die Errichtung von Megastrukturen. In einem Artikel von Noriaki Kurokawa über den Wand-Cluster von 1959 heißt es diesbezüglich:
"Die Ausnützung von Atomkraft wird ein höchst kompaktes Energie­versor­gungs­netz erlaubem."(4)

Expo 1958 in Brüssel, Atomium

Die Biologie und ihre Formensprache
"Ich möchte eine Bakterie sein. ...und in der Menschheit somit als bloßes Partikel aufgehen. Ich muß ein Stadium perfekter Selbstlosigkeit erreichen. Jetzt bin ich also ein Zellchen, eine Bakterie." (aus Traum­visionen von Kawazoe)

Metabolismus leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet soviel wie Wechsel, Wandel, Revolution, aber auch Umwandlungen in Zyklen. Daher leitet die Gruppe der japanischen Architektetn und Planer ihren Namen ab, "weil sie die menschliche Gesellschaft als lebendigen Prozeß verstehen und eine aktive metabolische Entwicklung unserer Gesellschaft durch ihre Entwürfe vorschlägt."(5)

Das Wort Metabolismus ist auch in der Biologie bekannt. Hier steht es für Stoffwechsel. Es meint dei Gesamtheit der im Organismus ablaufenden chemischen Reaktionen." In der Bilanz des Stoffwechsels interessieren die Menge und die Art der Stoffe, die aufgenommen und abgeschieden werden und vor allem der Energiebedarf und die Energieabgabe des Organismus unter verschiedenen Bedingungen, um das Leben des Organismus zu gewährleisten."(6)

Hier wird erklärt, was für die Planung von Projekten der Metabolisten ebenso übertragbar ist: Zum Beispiel sieht das "System-Planing" - im Gegensatz zu traditionellen "Master-Planing", welches einmalig die Ausformung eines Gebäudes festlegt, - ein sogenanntes "Cluster" als sich entwickelndes und regenerierendes, also metabolisches Gebilde vor, "das in jedem Stadium seines Wachstums eine Einheit zu bilden hat."(7)
Das Gebilde ist der Organismus, der also je nach Energie­bedarf und Energieabgabe Stoffe aufnimmt oder abgibt und sich in einem ständigen Wechsel zu seiner Umgebung und den verschie­denen Bedingungen verhält.

Arata Isozaki - 1961, Clusters in the Air,Tokyo, Horizontalschnitt und Modellfoto

Auch andere Bilder aus der Biologie lasse sich mit Entwürfen der Metabolisten vergleichen. An Hand des Entwurfes der Marine City von Kiyonori Kikutake beispielsweise ließe sich das Prinzip der Mitose –der Kernteilung– erklären: im Wesentlichen beruhen die Vermehrung von Einzellern und das Wachstum von mehrzelligen Tieren und Pflanzen auf Zellteilungen, in deren verlauf nach Selbstdopplung das Erbgut in den Chromosomen jedes Mal durch eine Mitose so auf die beiden Tochterzellen aufgeteilt wird, daß jede in der Regel dieselbe vollständige Erbinfor­mation enthält.

Mitose, schematischer Ablauf.
oben: Aufspaltung in väterliche (schwarz) und mütterliche (weiß) Chromatiden
mitte: Trennung der Chromatiden
unten: Bildung der neuen Zellwand und Chromosomenreduplikation

Kiyonori Kikutake - 1958, Marine City - Vergleich zur Zellteilung

1953 entdecken die Biochemiker Watson und Crick die sogenannte DNS. Diese Entdeckung wird hier insofern mit unter Betracht gezogen, da bei einem Vergleich dieser DNS-Struktur und einem Entwurf der Helix-City von Kisho Kurokawa von 1961 nicht nur in formalästhe­tischer Hinsicht aufzuweisen sind.
Zum Verständnis der DNS ist zu sagen, daß sie der chemische Träger der Erbinfor­mation ist und im Zellkern lokalisiert ist. Sie tritt immer als Doppelstrang auf, wobei 2 DNS-Fäden durch Wasserstoff­bücken zwischen den komplemen­tären Basen verknüpft sind. Der Doppelstrang oder auch Doppelhelix genannt ist sekundär zu einer Spirale aufgerollt.

Bei der Helix-City von 1961 von Kisho Kurokawa entsteht ein sehr ähnlicher Aufbau, wobei die Basenpaare der DNS hier der Bildung einer sich treppenartig ansteigenden künstlichen Landschaft gleich zusetzen sind. In einem natürlich viel größeren Maßstab findet hier die Infrastruktur der Helix-City statt.

Die Doppelspirale (Doppelhelix) des DNS-Moleküls: Die durch Wasserstoff­brücken gekoppelten Basenpaare sind jeweils in Ebenen senkrecht zur Helixachse angeordnet.

Untenehmen Zukunft - die Raumfahrt
Am Ende der 50er Jahre war vorrauszusehen, daß der erste Flug eines Menschen in den Weltraum nicht mehr fern war. Der Wettstreit der UdSSR und der USA spielte sich nicht nur im Wasser zu Land und in der Luft ab sondern über die Erdatmosphäre hinaus bis in den Weltraum hinein.
Sowohl die UdSSR als auch die USA arbeiteten an der Lösung des größten Problems: des Wiederein­tritts in die Atmosphäre . Ein ungeschütztes Raumschiff würde beim Wiederintritt in die Erdatmoshäre wegen der großen Reibungshitze verglühen. Die Lösung war der Hitzeschild.
Am 4.10.1957 gelingt es der UdSSR als erste Nation einen Sateliten in die Erdumlauf­bahn zu schießen. Dies löst den sogenannten "Sputnik-Schock" aus. Der Druck, den Weltraum zu beherrschen und von hier aus andere Nationen wohlmöglich zu bewachen, bewirkt ein immer größer werdenes Interesse für die Raumfahrt. Die Medien und Zeitungen sind in den 50er und 60er Jahren voll von Nachrichten über die Weltraum­technologie. Das Unternehmen Zukunft "Raumschiff Enterprise" hatte begonnen.

1957, Sputnik–Satelit

Die Weltraumtechnologie bringt als "Abfallprodukt" der Raketen-und Sateliten­forschung auch im zivilen Sektor praktische Anwendung bzw. erzeugt neue Möglichkeiten und Bilder, um sozialen Proplemen gerecht zu werden. Leben wir heute in einer Generation, in der das "Unternehmen Zukunft" in der Form nicht mehr seine Gültigkeit hat, so betrat man damals zumindest Neuland, welches zuvor unerreichbar utopisch erschien.
So ist vielleicht auch nicht verwunderlich, daß das Bild einer Raumkapsel, welches zumindest damals ein Symbol für die menschliche Entwicklung und die Verkörperung dafür war, Träume und Visionen wahrhaftig werden zu lassen, in anderen Maßstäben und neuen Kontexten zu übersetzen.
Eine Raumkapsel, die wohl eher aus technischen Gründen eine kompaktes und rundes Gebilde aufweisen muß, gleicht informalästhe­tischer Hinsicht dem Entwurf einer Schlafwabe von Kisho Kurokawa.

Entwurf des Inneren eines Raumschiffes /
Kisho Kurokawa - 1963, Kapselhotel, Osaka, Schlafwabe

Literatur

  • Kenzo Tange, Bestandsaufnahme von Tokyo 1960, Bauwelt 1964, Heft 18/19
  • Ionel Schein, Bauen+Wohnen, 1958
  • Unser Jahrhundert im Bild, Oktober 1956
  • Noriaki Kurokawa, Wand-Cluster 1959, Bauwelt 1964,Heft 18/19
  • Bauwelt, 1964, Heft 18/19
  • Biologie Schülerduden, Auflage 1976
  • Noriaki Kurokawa, 1960, Bauwelt 1964, Heft18/19

top