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Semesterprojekte

Themenarchiv der Projekt- und Diplomarbeiten

Semester:
Wintersemester

Student:
Abel, Anna
Biechteler, Heike
Conradi, Julia
Förster, Catharina
Gieseke, Alexander
Hassenstein, Boris
Hoelzinger, Anne
Krug, Julia
Müller, Heidi
Opper, Cornelius
Przyrembel, Mark
Roloff, Yves
Schladitz, Wenke
Schneider, Christian
Schudel, Manuel
Swillus, Joachim
Wiesmann, Patrick

Studienphase:
Projekt im Hauptstudium

Professor / Lehrbeauftr.:
Prof. Eilfried Huth

Assistent / Wissensch. Mitarb.:
Jesko Fezer

Themengebiet:
Kultur/ Medien/ Kommunikation

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  • 1999. Studenten:
    Abel, Anna • Biechteler, Heike • Conradi, Julia • Förster, Catharina • Gieseke, Alexander • Hassenstein, Boris • Hoelzinger, Anne • Krug, Julia • Müller, Heidi • Opper, Cornelius • Przyrembel, Mark • Roloff, Yves • Schladitz, Wenke • Schneider, Christian • Schudel, Manuel • Swillus, Joachim • Wiesmann, Patrick
  • Projekt im Hauptstudium
  • Prof. Eilfried Huth
  • Kultur/ Medien/ Kommunikation
Semesterprojekt Architektur

RewindMETABOLISMUS

baulicher stoffwechsel in japan 1960-1970
Japanische Stadtentwicklung
Anne Hoelzinger

Inhalt

Um einen Vergleich mit Europa möglich zu machen und die Unterschiede zu verstehen, habe ich zunächst versucht, einige wichtige Merkmale der japanische Tradition und historischen Entwicklung darzustellen.

Tokyo – der Unterschied zu westlichen Städten
Auf den ersten (europäischen) Blick erscheint das Stadtbild Tokyos chaotisch selbst für eine Megalopolis. Wenig hilfreich ist das Adresssystem der Stadt: die Straßen haben mit wenigen Außnahmen der Hauptverkehrsadern keine Namen. Stattdessen sind die einzelnen Viertel benannt, die Häuser haben lediglich eine Nummer, die aber nicht ihrer Anordnung in der Straße entsprechen, sondern der Reihenfolge, in der die Parzellen bebaut wurden.
Eine solche Ordnung gründet sich auf konkrete Erfahrung und schließt jedes a priori aus. Eine übergeordnete Planung ist nicht erkennbar.

Es gibt weiterhin keine wirklich langen, gradlinigen Achsen, wie man es aus europäischen Städten, z.b. Paris gewöhnt ist, gerade Achsen knicken früher oder später ab und verändern die Perspektive.
Die einzige große Achse der Stadt ist die Eisenbahn­linie Chuo-sen, die die westliche Vorstadt überquert. Aber auch sie hat keinerlei Einfluß auf die Anordnung der Gebäude und wird eigentlich nur auf der Karte sichtbar.

Historische Monumente oder Sehenswürdigkeiten, die eine erste Orientierung in der europäischen Stadt erleichtern, findet man in Tokyo kaum, die Stadt scheint sich nicht über ihre gebauten Denkmäler zu definieren. Dennoch existieren überall Stellen, die an frühere Zeiten Edos erinnern. Bis auf wenige Ausnahmen gab es in Tokyo keine Flächensanierung, wie man es aus dem Europa der 70er kennt. Die Identitäten sind einem unbeständigen dauernden Wechsel unterworfen, der aber nicht verallgemeinerbar ist, sondern immer kontextbezogen.

„Nach einer kürzlich gemachten Untersuchung werden heute im Zeitraum von 5 Jahren über ein Viertel des gesamten Baubestands Tokyos neu konstruiert.“

Obwohl als einer der schönsten modernen Bauten der Nachkriegzeit geltend, wurde das Rathaus Kenzo Tange's im Viertel Marunouchi nach 30 Jahren wieder abgerissen. Stattdessen entstand ein neues Rathaus, ebenfalls von Tange, in Form eines „neogotischen... wolkenkratzers“ in der neuen Downtown Shinjuku, das in seiner Bedeutung kaum an den Vorgänger herankommt.

Der Architekt Yoshinobu Ashihara meint dazu: „Wenn ein Gebäude alt ist, wenn sich die Fassade löst und die Bewehrungen rosten, dann ziehen die Japaner es vor, ein leistungs­fähigeres Gebäude zu errichten“.

Dieses Phänomen hat seinen Ursprung einerseits in der in Japan sehr verbreiteten shintois­tischen Religion, die Altes als negativ empfindet. Die ständige Erneuerung der materiellen Substanz bei identischer Beibehaltung des baulichen Konzeptes ist eine wichtige Grundidee.
In der heutigen Zeit ist andererseits die Tatsache, daß die Baukosten oft nicht einmal 20% der astronomisch hohen Bodenpreise betragen, sicherlich eine weitere einleuch­tende Erklärung für die ständige Erneuerung.

All diese Merkmale führen dazu, daß die japanische Stadt aus europäischer Sicht oft als urbanis­tisches Chaos verstanden wird. Die Struktur ist nicht mehr nachvoll­ziehbar, weil sie nicht dem lange Zeit als global eingestuften Wertekonzept der Moderne entspricht. Für den Europäer ist keine Zusammenhang stiftende Planung erkennbar, der Eindruck von fehlender geschichtlicher Kontinuität und räumlicher Bindekraft entsteht.

„Manche Stadtforscher sehen im Fehlen von Orien­tierungs­punkten in der japanischen Stadt keine Nicht-Existenz städtebau­licher Logik, sondern interpretieren es vielmehr als „prinzipielle Unmöglichkeit..., sich in den unbekannten Maßstäben und `Zeichensystemen´ anderer Kulturen überhaupt zu orientieren.“

„Die ständigen Metamorphosen der japanischen Stadt ebenso wie ihre Eigenschaft, in eine Vielzahl von scheinbar zusammen­hangslosen Fragmenten zu zerfallen, sind aber kein Phänomen der letzten Jahre. Im Gegenteil: sie haben sich im Rahmen einer lange währenden Stadtentwicklung eingespielt, und sie beruhen auch auf buddistischer Religion und zyklischem Naturver­ständnis.“

Natürliche Einflüsse
Um die Entwicklung der japanischen Architektur­traditionen nachvollziehen zu können, ist es sicherlich wichtig auf die Voraus­setzungen der örtlichen Besonder­heiten in Natur, Geographie und Religion einzugehen.

Zunächst ist das Problem der hohen Dichte sehr viel länger Thema in Japan als in Europa, aufgrund der begrenzten Größe der Insel und ihrer geographi­schen Gegeben­heiten, die ein Großteil des Landes nicht bewohnbar machen.
Überschwemmungen und Monsun bedeuten einen ständigen Wechsel von Wachstum und Fäulnis in Japans Natur. Der japanische Ethnologe Oono Susumo sieht darin den Ursprung japanischen Zeitem­pfindens. Auch entwickelte sich in der Baukunst aufgrund der ständigen Bedrohung durch Erdbeben nie ein solcher Aspekt der Dauerhaf­tigkeit, wie er in Europa immer existierte. Das japanische Haus ist nicht besonders erdbebensicher aber einfach konstruiert und schnell wieder aufzubauen. Bis zum späten Mittelalter wechselten ganze Städte nach der Krönung eines neuen Kaisers den Ort. Heute sind von diesen mobilen Städten nur wenig Spuren zu finden. Die Tradition, einzelne Häuser abzubauen und an anderer Stelle in ihren Bestandteilen wiederzuverwenden, hielt sich aber länger. Bereits sehr früh spielte die Ausarbeitung „standardisierter Bauteile“ eine große Rolle.
Wie schon erwähnt wurde das Prinzip des Wandels und der stetigen materiellen Erneuerung aus der japanischen Religion auch in der Architektur angewendet: Nur das Konzept eines Bauwerks wird identisch beibehalten, die materielle Substanz wird erneuert. Aus diesem Grund werden die Tempel­bauten von Ise auch heute noch alle 20 Jahre neu aufgebaut. Das erlaubt eine „unerhört effiziente Kontrolle, ja Souveränität über den zeitlichen Verlauf des Bauprozesses ..., in der Konstruktion und Dekonstruktion als gleichermaßen elementare Bestandteile angesehen wurden.“

alt - neu
In Japan wurden neue Stile bis in die Mitte des 19.Jhd. stets dadurch geschaffen, daß man die bestehenden Stilrichtungen ganz allmählich abwandelte. Jeder neue Stil war für die Japaner nur eine nuancierte Abwandlung von älteren Stilformen. Bestehendes wurde niemals völlig verworfen und so konnte Altes und Neues einträchtig neben­einander existieren. In der abendlän­dischen Architekturgeschichte kennen wir hingegen deutliche Einschnitte zwischen den Epochenstilen oder auch bloß den Stilstufen, oft bedeutete das die radikale Abwendung vom Vorhergegangenen.

3000 Jahre existierten drei Stile ('shin' - 'gyo' - 'so' ) vollberechtigt nebeneinander her.
In der Kalligraphie sind das kaisho-tai, der quadratisch und höchst formal, gyosho-tai, der halb kursiv und semi formal sowie sosho-tai, der vollkursiv und höchst informal ausgebildet ist.

shin
gyo
so

Interessanterweise hat in der japanischen Kunstgeschichte die Technik der Perspektive kaum eine Rolle gespielt. Die Theorie der Fixierung eines Sichtpunktes ist somit bedeutungslos, denn Bewegung und zeitliche Änderungen werden nicht einbezogen. Stadtdar­stellungen erscheinen also nicht perspektivisch sondern meist durch Zusammen­fassungen von Geschehen in verschiedenen Jahreszeiten und bei verschiedenen Volksfesten auf einem Bild. Die räumliche Tiefen­wirkung ist zweitrangig.

Vorbilder
Geschichtlich gab es keinen Kontakt zwischen Japan und der westlichen Welt bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Erst um 1868 wurde die strenge Abschließung gelockert, nachdem 200 Jahre lang fast jede Berührung mit der westlichen Welt vermieden worden war. Mit den westlichen Einflüssen kam die Industrieali­sierung nach Japan und die Einführung von Mauerwerksbau. Bis dahin gab es in Japan nur Holzbau, bis zur Meiji-Ära (1868) existierte außer einer grundsätz­lichen Zonierung so gut wie keine formale Stadtplanung. Danach wurden westliche, vor allem amerikanische und britische Planungsmodelle importiert.

Die ersten ständigen Hauptstädte Japans wurden nach dem Vorbild der chinesischen Stadt Changan geplant und angelegt. Grundlage war hier ein starres Schachbrett­muster mit nord-südlich und west-östlich verlaufenden Haupt- und Nebenstraßen. Von ihrer Anlage her hatte die chinesische Stadt kein Zentrum, und diese Eigenschaft wurde von den Japanern bereitwillig übernommen.
Die Stadt war von befestigten Mauern umzogen, besondere Gebäude hatten ihren genau bestimmten Ort. Der Komplex des Kaiserpalastes wurde am nördlichen Ende der Nord-Süd-Achse angelegt, und als eine befestigte, verbotene Stadt ist er dem gewöhnlichen Volk nicht zugänglich. Selbst in späteren Siedlungs­typen fehlt der große Platz, um den sich öffentliche Gebäude und Institutionen drängen und der das politische und geistige Zentrum der Stadt bildet. In japanischen Städten wurden wichtige Gebäude in bestimmten Abständen an den Straßen aufgereiht. Religiöse Komplexe lagen oft am Rand oder außerhalb der Stadt.
Im Laufe der Zeit entfernten sich die japanischen Städte allerdings immer weiter von ihrem Vorbild. Abweichungen gab es auch bereits am Anfang, indem der vorgegebene Plan nur unvoll­ständig eingehalten wurde.

„Kyoto (von 794-1869 Hauptstadt) nahm nicht nur an Größe und Einwohnerzahl zu, sondern entwickelte sich auch nach den neuen und immer willkürli­cheren Mustern, die den topogra­phischen Bedingungen, der Lebensweise und der Mentalität der Japaner entsprachen.“
Zahlreiche Brände und häufiger Wiederaufbau erleichterten diese „Abweichungen, die man oft als einen Prozess der Japani­sierung bezeichnet hat.“

Stadtentwicklung in Kyoto

Heute ist Kyoto eine städtebauliche Anlage, an der man sowohl das ursprüng­liche Schachbrett­muster, als auch das zufällige Netz der später über ältere Linienfüh­rungen gelegten Straßen erkennen kann.

Alter Stadtplan von Tokyo

Es gibt zahlreiche andere Typen städtischer Besiedlung, in denen das rechtwinklige Raster von Anfang an nur eine unterge­ordnete Rolle spielte, so z.B. die Burgstädte. Sie werden ab dem 16.Jhd. zu bedeutenden Zentren des politischen, wirtschaft­lichen und sozialen Lebens und bilden den Kern der meisten modernen Städte Japans (z.B. Tokyo).

Aus Verteidigungsgründen waren die wichtigen Straßen und Verkehrswege der Burgstädte mit zahlreichen Biegungen versehen, sie liefen nur durch die Geschäfts­viertel und berührten nie das Zentrum. Der Tokaido z.B., ein berühmter Weg zwischen Edo (dem früheren Tokyo) und Kyoto wies in der Stadt Okazaki 27 Krümmungen auf. Auch gab es praktisch keine Straßenkreuze, die meisten Straßenein­mündungen waren T- oder L- förmig angelegt. Mittelalter­liche Burgstädte, die selbst keine Stadtmauern hatten, waren von zahlreichen Tempeln umringt, die Verteidigungs­zwecken dienten. Während die Stadt keine genaue Umgrenzung hatte, sondern nur unterge­ordnete Reihen von Häusern und Holzbauten, war die eigentliche Burg von Gräben und dicken Steinmauern umzogen.

Kaiserpalast mit Park, Tokyo

Das beherrschende Zentrum war wie der Kaiserpalast durch eine weitere Mauer geschützt; gewöhnlichen Bürgern war der Zutritt verboten. Da im heutigen Tokyo die kaiserliche Residenz im innersten Bezirk der erhaltenen Edoburg liegt, ist das ursprüngliche Zentrum der Stadt unerreichbar, unsichtbar, ein abgeschloss­ener Raum.

Von Terunobu Fujimori stammt folgender bildhafter Vergleich, japanische Städte seien wie Kohlköpfe von einer weichen schützenden Schicht umgeben, westliche Städte hingegen seien wie hartschalige Eier.

Stadtplanungsprinzipien am Beispiel Edos
Die Räumlichkeit Edos (des heutigen Tokyo) gründet sich auf einer topologischen Ordnung, im Gegensatz zu z.B. Kyoto und Sapporo, die geometrisch angelegt wurden. Der Verlauf der Straßen bildet sich aufgrund von Höhenzügen (z.B. der Höhenzug von Kanda) oder den Bergen Fuji und Tsukuba, aber auch auf künstliche Weise nach dem Turm des Shogun-Schlosses. Natürliche Lage, Aufteilung der Straßen, architekto­nische Typologien und der soziale Raum brachten sich gegenseitig zur Geltung.

Ursprünglich bestand Edo aus zwei großen Stadteinheiten:
Die Oberstadt Yamamote auf den Terassen von Musashino weitete sich im Osten in eine Vorgebirgs­lage aus, sowie die Unterstadt Shitamachi am Rand der Bucht von Edo, deren Terrain zum Teil durch die Eindei­chung des Meeres gewonnen wurde.
Shitamachi ist durchzogen von vielen Kanälen und Flüssen, deren Brücken mit ihren Zugängen die Anziehungs­punkte für das städtische Leben schufen. So ist z.B. die Nihonbashi- oder die Tokaido­brücke Ausgangspunkt vieler Wege.

Typische japanische Holzbrücke

Die Verbindung beider Teile schufen steile Wege (saka), die ebenfalls mächtige Generatoren städtischen Lebens waren. Sie erhielten Ortsnamen (im Gegensatz zu den Straßen) und waren wie die Brücken der Unterstadt Merkzeichen im städtischen Raum und in der Natur. Sie folgten nicht nur dem natürlichen Relief getreulich, sondern boten auch weite Ausblicke, beispielsweise auf die Bucht.
Der Kontrast zwischen Yamamote und Shitamachi bestand vor allem in der unterschied­lichen Anlage der Straßen. In Jamamote wohnten die Krieger, die Straßen gehen auf ländliche Wege zurück, liegen auf den Hügelkämmen und in den Tälern. Begleitet von Mauern oder Hecken, versteckt hinter dichtem Wald lagen aristokra­tische, wenig städtische Wohnhäuser. In Shitamachi lebten Händler und Handwerker in Stadthäusern in gradlinig und rechtwinklig angelegten Straßen, gesäumt von Geschäften. Nur im Norden (im vornehmen Viertel Yoshiwara) vermischten sich diese Welten.

Heute ist das Bezugssystem, nach dem die Stadt ursprünglich errichtet wurde, durcheinander geraten durch die Verbauung. So verschwindet der Höhen­kontrast durch die Hochhäuser, sie verstellen oft die vorherigen Blickbezüge. Der Fuji, früher von nahezu jedem Punkt aus sichtbar, kann man nur mehr von der Spitze der höchsten Gebäude aus sehen. Das Meer wird immer weiter zurückge­drängt, viele Kanäle sind zugeschüttet oder in einigen Fällen mit aufgestän­derten Schnell­straßen überdeckt.
Neue Bezugspunkte sind heute die Wolkenkratzer in Shinjuku, oder die Bahnhöfe mit ihren Handelsadern.
„Die traditionelle Belebtheit von Shitamachi stellt sich auf diese Weise wieder her und bildet Ableger weit in der Peripherie.“

Planungsprinzipien am Beispiel von Biakugo-ji
Am Beispiel des japanischen Dorfes Biakugo-ji lassen sich die gestaltge­benden Prinzipien nachvollziehen.
Das Dorf entwickelte sich durch „Punktstimulation“10. Klar gesetzte Festpunkte sind einerseits die Tempelanlage (A) aus dem Jahr 750 n.Chr. auf dem Hügel im Osten, andererseits der Yakekasuga­schrein (B) an der Kasuga-do, dem Nord-Süd-weg (k). Die verbindenden Wege wurden zu den Lebensadern, an denen sich die Häuser im Laufe der Zeit frei anhängten. Um 1700 gründete die buddhis­tische Shinshu-Sekte in der Mitte der Dorfanlage einen Nisho-Tempel (c), der allerdings nicht zum neuen ausstrah­lenden Festpunkt wurde, weshalb man ihn später an seine heutige Lage im Dorfzentrum verlegte.

Biakugo-ji ist eine Siedlung, die bewußt gegründet worden ist, in der das Wachstumprinzip von Anfang an gesetzt wurde, aber in einer Art, die später natürliches Wachstum ermöglichte. Wenn jedoch, wie es heute der Fall ist, die Zwischenräume zwischen den gesetzten Stimulations­punkten vollkommen mit Bebauung ausgefüllt sind, andererseits die Festpunkte, Tempel und Schrein, ihre religiöse und soziale Funktion verlieren, so muß notwendi­gerweise das gesetzte System seine Stimulations­kraft verlieren, d.h die Gesamtanlage läßt ihre lebensstimu­lierende Kraft vermissen, die Ordnung vermischt sich.


Biakugo-ji 750 n.Chr, Tempelanlage (A), Yakekasugaschrein (B) und späterer Gesamtplan

Tempelanlage Myoshin-ji
Die Anlage teilt sich in zwei Bereiche. Im Öffentlichen, dem „garan“-Bereich, sind erster Torbau, zweistöckiger Haupttorbau, Buddhahalle und die Halle des Gesetzes entlang einer Nord-Süd-Achse gereiht, Glockenturm, Sutralager, Badehaus und Toiletten liegen frei drumherum verstreut. Im privaten Bezirk, dem „tatchu“-Bereich befinden sich die Privatquatiere der einzelnen Äbte mit den erforderlichen Lehr- und Wohnräumen der dort praktizierenden Mönche.
Die lockere Anordnung der Nebengebäude im Garan-Bereich relativiert in gewisser Weise die Strenge der zentralaxialen Aufreihung der Hauptbauten und bringt sie dadurch gleichzeitig noch mehr zur Geltung.
Hier wird eines der Hauptgestaltungsprinzipien der japanischen Umweltgestaltung deutlich: die Relativierung des Gesetzmäßigen durch das Zufällige, des Rationalen durch das Irrationale, oder das Deutlichmachen eines Aspekts durch seinen Gegenaspekt.
Im öffentlichen Garan-Bereich stehen die größten und schwersten Bauten, die sich am langsamsten wandelnden Gebilde. Der private Tatchu-Bereich enthält die kleinsten und leichtesten Bauten, er umfaßt, die Lebenszyklen der Bauten betreffend, die sich am schnellsten wandelnden Gebilde.
Der öffentliche Bereich ist streng formal gestaltet, der private Bereich informal. Diese Abstufung entspricht dem Bewußtsein von einer gestuften Formalität allen menschlichen Tuns. Die Wechselbeziehung funktioniert aber nur, solange den Elementen eine lebendige Funktion zukommt.

Tempelanlage Myoshin-ji, Gesamtplan

Wege im öffentlichen Bezirk (Garan) und im privaten Bezirk (Tatchu)

Parallelen zu dieser hierarchischen Ordnung finden sich in vielen anderen Bereichen der japanischen Kunst, z.b. in der Kalligraphie.

Natur
Wenn man nach Tokyo fährt, vollzieht sich der Übergang vom Land in die Stadt unmerklich, sowohl was die Dichte des Gebauten angeht als auch in der architektonischen Form. Im Innersten der Stadt befindet sich der kaiserliche Palast inmitten eines riesigen Waldes und umgeben von wassergefüllten Gräben.
Im Shintoismus ist die Natur der heilige Pol, der dem Raum der Menschen erst seinen Sinn gibt. Der Bezug auf die Natur ist einer der wesentlichsten Unterscheidungen zum europäischen Städtebau.
In den Stadtvierteln Tokyos gibt es überall shintoistische oder buddhistische Schutztempel, die auf die Natur verweisen. So findet man an Straßenecken ebenso wie auf den Dächern großer Gebäude kleine, den örtlichen Gottheiten gewidmete Kapellen, die, von ein paar Wildpflanzen umgeben „die Heiligkeit des ursprünglichen Waldes“ wiedererschaffen sollen.
Aus der japanischen Gartenbaukunst stammt das gestalterische Prinzip „saobi“ (d.h. „so werdend“), das besagt, daß mit der Fertigstellung des Gartens der eigentliche Gestaltungsprozess erst beginnt, obwohl das Gestaltungsprinzip schon festgelegt ist. Jedes Kompositionselement ist so konzipiert, daß es seine Form ändern, oder durch ein anderes ersetzt werden kann. Im Garten ist zur Einhaltung der erstrebten Balance des Gesamten somit dauernd die korrigierende Hand des Gestalters notwendig. Die Idee eines perfekten und vollendeten Zustands der Gesamtanlage, dem sich alles zukünftige Leben unterzuordnen habe, wird mit diesem Planungssystem weder erwartet noch beabsichigt. Endgültigkeit ist durch Balance ersetzt.

privat - öffentlich
Der Architekt Ashihara Yoshinobu kombiniert die Beziehung von Natur und Stadt in der japanischen Tradition mit den Parallelen zwischen Haus und Stadt: Er sieht die Beziehung zwischen häuslichem und urbanem Raum, zwischen Privat und Öffentlich als Umkehrung dessen, was im Okzident Gültigkeit hat. Die Umkehrung der Beziehung von Stadt zur umgebenden Natur (bzw. zum Land) bewirkt die strukturelle Verschiebung der unterschiedlichen Organisationsebenen des sozialen Raumes:

JAPAN EUROPA
öffentlicher Raum
(Stadt)
offen geschlossen
(befestigt)
häuslicher Raum
(Haus)
geschlossen offen
(eingefriedet)
persönlicher Raum
(Zimmer)
offen geschlossen
(abschliessbar)
es entspricht: Haus
Stadt
Gemeinde
unberührtes Land
Zimmer
Haus
Stadt
kultiviertes Land

Räumliche Flexibilität
Aufgrund der in Japan herrschenden räumlichen Dichte gibt es eine lange Tradition von zeitlich organisierter Raumteilung. Der Raum ist verfügbar für unterschiedlichste zeitweilige Nutzung, z.B. werden Straßen für Feste, Märkte und Tanzveranstaltungen genutzt. Plätze für besondere Nutzungen wie Aufmärsche, Märkte usw., wie es sie in der westlichen Welt gibt oder gab, existierten im historischen Japan hingegen kaum. Tempel und Schreine wurden für Volksvergnügungen umfunktioniert, z.B. für Blumen- oder Modenschauen.

Zeit ersetzt Raum

Tatamihaus, EG und OG

Auch im japanischen Wohnhaus sind die Räume sehr flexibel nutzbar. Tatamimatten, Sitzkissen und Futons, sowie niedrige Tische und Einbauschränke sind fast die einzigen Möbel und ermöglichen eine hohe Mobilität. Der Raum verwandelt sich mehrmals täglich in Wohnzimmer, Eßzimmer, Arbeitszimmer, Spielzimmer, Schlafzimmer. Schiebewände ermöglichen den zeitweiligen Zusammenschluß von Räumen.

Traditionelles japanisches Dorf, Dorfplan mit Shintoschrein

In diesem Sinne genauso kann in den Dörfern ein zu einem Shintoschrein gehöriger Platz durchaus für buddhistische Zwecke genutzt werden. Der Shintoschrein wird dann einfach mit schwarzen Tüchern verhängt. Dem Dorf auf dem Foto dient auf diese Weise ein und derselbe Vorplatz zur Ausübung zwei verschiedener Religionen und gleichzeitig noch dem alltäglichen Leben der Bewohner. So wird das Schreingrundstück zu den verschiedenen Tageszeiten unterschiedlich genutzt: Um 6 Uhr früh trifft man sich zum Gebet, um 10 Uhr halten die Händler für eine halbe Stunde ihre Waren feil, um 12 spielen dort Kinder, um 16 Uhr kommen die Tofuhändler und um 17 Uhr unterbrechen wiederum die Bauern ihren Heimweg. Dieses Beispiel scheint ein offensichtliches Kennzeichen zu sein für die Bereitschaft der Japaner, gegensätzliches miteinander zu verbinden.

öffentlich - privat ?
Auch die Straße in Japan ist etwas grundlegend Anderes. In Europa ist sie eine fest definierte, Architektur gewordene Form, die gebaute Straße. Die Reihung und Gestaltung der Fassaden sind die entscheidenden Generatoren des städtischen Ganzen. Europa steckt noch heute in der tiefe Krise nach dem modernen Städtebau, der die Straße in Frage stellte.

„Typisch ist ein niedriges, kaum mehr als zwei Geschoße hohes Häusermosaik, bunt zwar im Straßenbild, aber ohne herausragende Haltpunkte und Gliederungselemente. Außerhalb der unmittelbaren Citybereiche erstaunt es durch seinen homogenen, gleichmäßig horizontalen Charakter.
(...) Strukturell besteht es aus einer zusammen­hängenden Addition von kleinen überschau­baren Gruppen von einzelnen Häusern. (Diese `Häuserblocks´ sind nicht zu verwechseln mit der rigiden Struktur einer Blockbebauung. Es handelt sich vielmehr um eine heterogene Agglomeration von nahe beieinander stehenden Häusern in fast beliebiger Ordnung zu einem `plastischen´ Formganzen. Solche Blöcke geben mit ihren Außenkanten oft auch den unregel­mäßigen Verlauf der Straße vor.)
Straßen, die auf einer nächst­höheren Ebene diese Häuser­gruppen zu einem Viertel zusammenbinden, sind zwar vorhanden, erscheinen aber oft wie nachträglich eingefügt und entsprechend verwinkelt. Eine systematische Ausrichtung der städtischen Gliederung, kleine und große Plätze, stadträumlich bezogene Verkehrs­achsen, die das Ganze als unterscheid­bares Ensemble lesbar machen, sind nicht einbezogen.“

Diese minimale, additive Ordnungsprinzip läßt das Eine mit dem Benachbarten räumlich kommunizieren, eine übergeordnete Ordnung gibt es nicht. Das gleiche gilt auch im größeren Maßstab des neuen Städtebaus. Es ist eine Art Mosaik teilweiser Ordnungen, in dem eher jeder Ort für sich aufgewertet wird, anstatt einem allgemeinen System unterworfen zu sein.
Die Präsenz des Straßenraumes erzwingt nicht die Außenform des Gebäudes, sondern es existieren „vielfältig verwobene Ökosysteme“. Gebäudeformen werden erzeugt duch die unsichtbare Präsenz von Kapitel genauso wie durch Einflug­schneisen oder durch die Lage der Glasfaser­kabel.

Der öffentliche Raum
Elementarste Idee der europäischen Stadt ist die ausgewogene Mischung von öffentlichen und privaten Räumen. Die geschicht­liche Entwicklung brachte vor allem in jüngster Zeit eine ständige Neuinterpretation dieser Bereiche. In Japan hingegen ist der öffentliche Raum eher pragmatischen Charakters: er entsteht, wo die Menschen aufgrund gemeinsamer Bedürfnisse sowieso zusammenkommen.

„Diese Orte sind zwar nicht das Ergebnis einer komponierten urbanen Konzeption, die dem öffentlichen Raum einen hierarchi­schen Stellenwert innerhalb der Gestaltung der Stadtstruktur zuweist. Sie entwickeln sich seit jeher .. an Orten, an denen der Verkehr am größten ist.“ Im alten Edo waren solche Orte die Kreuzungen großer Straßen sowie Brücken. „Im Umkreis der alten Brücken entstanden rege Kaufmanns­viertel, die Brücke mutierte zum zentralen, von allen Seiten frequentierten Treffpunkt.“

Dementsprechend war z.B. 1986 der Entwicklungsplan der Stadt Tokyo strukturiert: Im Finanzierungsplan wurden 6 Millionen DM für die Erhaltung historischer Gebäude und 224 Millionen DM für die Sanierung und Rekonstruktion historischer Brücken vorgesehen. In ihrer Bedeutung entsprachen die Brücken im alten Japan anscheinend durchaus unseren europäischen Plätzen. Im heutigen Tokyo hingegen sind eher Warenhäuser und Bahnhöfe öffent­liche Anziehungs­punkte und entsprechen vielleicht unseren Fußgänger­zonen der 70er und 80er Jahre. Bahnhöfe und S-Bahnstationen sind heute dauerhafte Elemente der Stadtentwicklung. In Japan sind die Megacitys nicht so stark auf das Auto ausgelegt, sondern die Züge und S-Bahnen spielen eine große Rolle und werden wie selbstver­ständlich fast ausschließlich von Privaten finanziert. Kaufhäuser als Motoren und Anziehungs­punkt aktivieren ihre Dächer als Park über der Stadt und sind, „wie Walter Benjamin schon für das Paris des 19.Jhd. feststellte, auch heute noch das Innovations­potential, das die Städte weiterentwickelt.“

Zeichen
Die japanische Stadt erscheint uns Europäern unverständlich, weil die konstitutiven Elemente in manchen Bereichen nicht-architekto­nischer Natur sind.

„Neben, über und in der Architektur findet man ein derartig dichtes Gestrüpp nicht-architekto­nischer Elemente, daß dieses die Architektur gelegentlich vollständig verdeckt oder sogar ersetzt.“ Die Existenz von Zeichen, Symbolen, Anzeigetafeln, Schriftzügen ist allgegenwärtig, wie uns Roland Barthes in seinem Buch „Im Reich der Zeichen“ anschaulich vorführt.

JAPAN EUROPA
Zeichen, Bilder angestrebt wird die logische Verknüpfung der Einzelelemente
Aussage eines Bildes kann sich ändern sobald Elemente anders zusammengefügt werden (ikebana) "Das in der klassischen Moderne verankerte europäische System sucht visuelle Bezugspunkte als einzelne Zeichen in einem Gesamtzusammenhang zu lesen"
neue Zusammensetzung = neue Bedeutung  
das Bild als abgeschlossene Einheit für sich gültig  
"Zusammenfall von Privat und Öffentlichkeit" Öffentlichkeit dringt in die Privatsphäre
Interieur kehrt sich nach Aussen, nimmt Überhand. "Der Rahmen gibt sich als Interieur und löscht es dadurch aus."  
Dschungel
ewige Eneuerung
Moor
Idee der Endgültigkeit

Zwischenbereiche - „outer-layer“

Eine Taktik des `commercial space´ ist es, sich des Interieurs zu bemächtigen, denn es ist „dem Individuum am nächsten“. „Während in Europa heute der Eindruck entsteht, daß die Öffentlichkeit in immer stärkerem Maß in die Privatsphäre eindringt, kehrt sich in Tokyo das Interieur nach außen, es nimmt Überhand.“
Als bemerkenswertestes Raumerlebnis in einer japanischen Stadt wird oft nicht die Architektur, sondern die Ausstattung gepriesen.
Sogenannte 'outer layer ' werden vor den eigentlichen Kern der Bauten gelegt. 'Outer layer' bedeutet die Zwischen-Zone, die sowohl ihre Kommunika­tions­fähigkeit nach außen darstellt, als auch eine Kommunika­tions­fläche ist. Beispiele mobiler Architektur greifen so aktiv in das Straßenge­schehen ein. Die Straße wird in den Innenraum ausgeweitet oder es wird massiv durch das Angebot im Innern Einfluß genommen. Es entsteht eine ungeplante Addition, die einer ständigen Umformung und Deformation durch den Nutzer unterworfen ist.

„In Japan herrscht, geschichtlich und religiös bedingt, eine bedeutend höhere Akzeptanz gegenüber solchen offenen Konzepten als in Europa. Hier begegnet man Übergangs­zonen auf Schritt und Tritt. Das Verhältnis zum Provisorischen ist ausgeprägt. Etwas, das nicht fest ist, genießt besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Zu bestimmten Terminen können Bambus und Reisgarben, in einer speziellen Weise gebunden, eine religiöse Bedeutung bekommen, die die Pflanze wieder verliert, wenn sie nach Abschluß der Feierlich­keiten wieder aufgebunden wird.
Das Variable, nicht Statische, das Europäer überhaupt nicht kennen und dem sie, wenn sie mit ihm konfrontiert werden, in höchstem Maße mißtrauen, ist hier Teil einer Kultur geblieben. in Tokyo wird dieses System kultiviert. Das 'outer layer' ist ein flexibles Konzept, das entgegen den abstrakten, endgültigen Linien, die europäische Zonen abgrenzen, einen räumlich und nutzungs­mäßig linearen, fließenden Übergang von Innenraum zum Außenraum darstellt. Es ist ein urbanes Testgelände, das bewußt bereitge­stellt wird, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.“
(Wilhelm Klauser: bewegliche Stadt in arch+123, s.32)

Literatur

  • Roland Barthes: Das Reich der Zeichen
    Suhrkamp 1077
  • Botond Bognar: Die neue japanische Architektur
    W.Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1991
  • Micihiko Kasugai: Zeit als Element der Stadtplanung
    32, Schriftenreihe der Fachgruppe Stadt, TH Darmstadt 1985
  • N.Pevsner, H.Honour, J.Fleming: Lexikon der Weltarchitektur
    Prestel, München, 1992
  • Mechthild Schumpp: Stadtbau-Utopien & Gesellschaft
    Bauwelt Fundamente 32,Bertelsmann Fachverlag, 1972
  • Egon Tempel: Neue japanische Architektur
    Gerd Hatje Stuttgart, 1969 S.7-27
  • arch+ /123 (September 1994): Tokyo - Megalopolis des organisierten Deliriums:
    -Augustin Berque: Tokyo - Stadt der Teilordnungen
    -Wilhelm Klauser: Bewegliche Stadt
    -Kaye Geipel: Tradition der kurzen Dauer
  • 10 db 10-1968

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